Wie Schulden eine US-Stadt ruinieren

Wie Schulden eine US-Stadt ruinieren

Camden ist die Stadt mit der zweithöchsten Verbrechensrate in den USA. Der Ort ist arg gebeutelt durch die Finanznot. Die Feuerwehr kann nicht mehr zu jedem Brand ausrücken, auch bei der Polizei wurde stark gekürzt. In Camden wiederholt sich im Kleinen der Schuldenstreit von Washington.

Camden Stundenlang hat das Feuer gewütet. Acht Stunden oder zwölf, so genau weiß Mister Lee das nicht mehr. Nachts war der Brand in einem Reifenlager ausgebrochen, und als Mister Lee am Morgen darauf in die Winslow Street fuhr, um in seinem koreanischen Imbiss nach dem Rechten zu sehen, gab es kein Durchkommen. Denn da loderten die Flammen noch immer. Und schwarzer Rauch vernebelte die heruntergekommenen Straßenzüge im Süden Camdens. Die Feuerwehr war nicht ausgerückt – kein Geld mehr.

Sechs Wochen ist das her, und noch immer lässt das Karree zwischen Winslow Street und Jefferson Avenue an einen Bürgerkrieg denken. Ein Trümmerberg, so groß wie zwei Fußballfelder. Rußschwarze Balken. Verbogenes Eisen. Verkohlte Verkehrsschilder. Niemand hat mit dem Aufräumen begonnen, niemand kann sagen, wann endlich die ersten Bulldozer anrücken.

Nur das verblichene Wort "Yarns" ("Garn") an einer traurigen Ruinenmauer lässt erkennen, dass hier einmal eine Textilfabrik stand, Howland Croft, Sons & Company. Garn wird bei Croft seit 50 Jahren nicht mehr gesponnen. Zuletzt hat man den Keller des Backsteingebäudes als Reifenlager genutzt; das Gummi wirkte wie Benzin im Feuer.

Kurz nach dem Brand an der Winslow Street ging ein abgewracktes Chemielabor in Flammen auf, wenige Tage darauf ein altes Reifenwerk. Es ist, als wollte ein zynischer Brandstifter der Stadt ihre Ohnmacht demonstrieren. Camden ist pleite, es muss rigoros sparen, eben auch bei der Feuerwehr.

Camden ist das, was man in Lagos oder Kalkutta einen Slum nennen würde. Früher wurden hier Schiffe gebaut – die Stadt liegt am Delaware River, gleich gegenüber von Philadelphia. Es gibt eine Universität und ein angesehenes Krankenhaus mit 700 Ärzten. Und eine Autobahn, die Interstate 676, die Camden in zwei Hälften teilt.

In der kleineren Hälfte, im Westen, verläuft das Leben noch in halbwegs normalen Bahnen. In der größeren, östlich des Betonbands sowie in Richtung Süden, handeln Banden wie die "Bloods", die "Crips" und die "Five Percenters" auf offener Straße mit Drogen. Überall Pitbulls, überall tätowierte Unterarme, überall Gitter vor Türen und Fenstern. Und dort, wo es keine Gitter gibt, blockieren Sperrholzplatten den Zugang.

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Am Broadway, von dem die Winslow Street abzweigt, ist jede dritte Fensterhöhle verrammelt. Donald Norcross, ein gelernter Elektriker, vertritt Camden im Bundesstaatensenat von New Jersey. Sein bescheidenes Wahlkreisbüro liegt unauffällig auf der Rückseite eines Supermarkts, in Audubon, einem jener typischen amerikanischen Vororte, die alle gleich aussehen mit ihren Shopping-Malls und den riesigen Parkplätzen davor.

Draußen im Umland ist es sicherer, dort gehen nicht so schnell Scheiben zu Bruch. Der Sozialfall Camden, erklärt Norcross, braucht jährliche Zuschüsse von 64 Millionen Dollar, das entspricht knapp 40 Prozent seines Budgets. 2010 erhielt die Stadt das Geld noch. 2011 hat es Chris Christie, New Jerseys konservativer Gouverneur, kurzerhand gestrichen, weil er sein Budget ausgleichen muss. Damit steht Dana Redd, die Bürgermeisterin, vor der Quadratur des Kreises. Normalerweise finanzieren sich amerikanische Gemeinden über die Grundsteuer. Die wiederum berechnet sich nach dem Wohnungswert. In den Elendsecken Camdens aber sind die Immobilienpreise so drastisch gefallen, dass sich kaum noch eine nennenswerte Grundsteuer erheben lässt. "Wer uns die Hilfe verweigert, gibt uns buchstäblich auf", sagt Norcross. "Es geht ums Überleben."

Camden ist kein Einzelfall, nur ein besonders krasses Beispiel für den Verfall der öffentlichen Ordnung in den Zeiten des Sparzwangs. Im Kleinen, und noch zugespitzter, spiegelt es den Streit in Washington. Dort wollen die Republikaner mit geradezu fanatischem Eifer den Rotstift ansetzen und sich im Konflikt mit Barack Obama als Antischuldenpartei profilieren, mögen namhafte Ökonomen noch so eindringlich warnen, dass allzu rigoroses Sparen zurück in die Rezession führen kann. Christie kürzt ohne Kompromisse, weshalb ihn die radikal-konservative Tea Party als Helden feiert.

Der amerikanische Bund müsste einspringen, doch das Tauziehen ums Schuldenlimit setzt enge Grenzen. Camden, die Stadt am öffentlichen Tropf, eine Stadt mit 80 000 Einwohnern, offiziell die zweitgefährlichste Stadt der USA, bekommt die Folgen zu spüren: Im Januar hat man ein Drittel der Feuerwehrleute entlassen, bei der Polizei traf es fast jeden Zweiten. Deren Resttruppe, 206 Beamte, steht im Ringen mit den übermächtigen Gangs auf verlorenem Posten. Sie ist so überfordert, dass Jon Williamson, der Chef der Polizeigewerkschaft, vom dauerhaften Ausnahmezustand spricht.

Der Abgeordnete Norcross zitiert die Statistik: Seit Januar stieg die Kriminalitätsrate um 13 Prozent. Und Jorge Cartagena hätte den Ausnahmezustand um ein Haar mit seinem Leben bezahlt. Der Drittklässler geriet ahnungslos in eine Schießerei und wurde zufällig von einer Kugel am Kopf getroffen – um zwei Uhr nachmittags, an einem schönen Sommertag. In einer Klinik kämpften die Ärzte um das Leben des Jungen. Jorge Cartagena hat überlebt. Aber er kann nicht mehr sehen.

(RP)
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