Wie Hitlers Raketenbauer in die USA kam

Wie Hitlers Raketenbauer in die USA kam

Die USA haben nach 1945 zahlreiche Nazis aufgenommen, obwohl sie um deren Vergangenheit wussten. Ein lange geheim gehaltener Bericht des US-Justizministeriums liefert dafür Belege. Etwa beim Raketenbauer Arthur Rudolph. Unter der Regie Wernher von Brauns bastelte er mit an der Rakete V 2, Adolf Hitlers vermeintlicher Wunderwaffe. In Thüringen leitete er eine unterirdische Fabrik, in der sich Zwangsarbeiter aus dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora oft buchstäblich zu Tode schufteten. Nach Kriegsende wurde der Wissenschaftler im Rahmen der Operation "Paperclip" ("Büroklammer") nach Amerika gebracht, wo er glänzend reüssierte. Seine neue Heimat verlieh ihm Medaillen und feierte ihn als Vater der Saturn V, der Trägerrakete bei der Mondmission.

Lange vor seinem Triumph, als Rudolph 1949 von einem Aufenthalt in Mexiko zurückkehren wollte, wies die Nummer zwei des Washingtoner Justizressorts die Grenzbeamten an, ihn unbedingt wieder einreisen zu lassen. Dies liege im "nationalen Interesse". Später wurde der Ingenieur, der bereits 1931 der NSDAP beigetreten war, von seiner Vergangenheit eingeholt. Ermittler des Office of Special Investigations (OSI), einer Sondereinheit des Justizministeriums, fanden heraus, dass er systematisch Arbeitssklaven ausgebeutet hatte, in weit größerem Maße, als er anfangs zugeben wollte. Rudolph musste seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben. Um einem Verfahren zu entgehen, ging er nach Hamburg, wo er 1996 starb.

Zweites Beispiel: Otto von Bolschwing sollte entweder alles abstreiten oder auf "mildernde Umstände" verweisen, falls ihm jemand auf die Schliche kam. Beamte seines Arbeitgebers, der CIA, tauschten sich darüber in internen Notizen aus, wie sich der neue Mann am besten aus der Affäre ziehen konnte. Von Bolschwing, der 1954 bei der CIA anheuerte, hatte Adolf Eichmann assistiert, einem der Organisatoren des Massenmords an den Juden. Er starb 1981, in dem Jahr, in dem er ausgewiesen werden sollte.

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So wie ihm ging es offenbar vielen Nazis: Sie durften, ja sollten nach Amerika kommen. Sie waren nützlich im Kalten Krieg. "Amerika, das immer stolz darauf war, ein sicherer Hafen für die Verfolgten zu sein, wurde – in kleinem Maße – auch ein sicherer Hafen für die Verfolger", so die Autoren. Vor vier Jahren fertiggestellt, blieb ihr 600 Seiten langer Report zunächst unter Verschluss. Nun gelangte die "New York Times" in den Besitz der vollständigen Fassung und veröffentlichte Auszüge.

Es war der Anwalt Mark Richard, der einst die Untersuchungen anschob. 1999 gewann er die damalige Justizministerin Janet Reno dafür, das heikle Kapitel genauer unter die Lupe nehmen zu lassen. Geschildert werden Erfolge und Misserfolge des OSI, etwa bei den Ermittlungen gegen den mutmaßlichen KZ-Aufseher John Demjanjuk, der zurzeit in München vor Gericht steht. Richard, der stets auf die Freigabe der endgültigen Version drängte, erlebte diese nicht mehr. Im Juni 2009 erlag er einem Krebsleiden.

(Rheinische Post)
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