Wie der schiffbrüchige Apostel Paulus auf Malta gerettet wurde

Odyssee der Aquarius : Schiffbruch im Mittelmeer

Vor fast 2000 Jahren erlitt der Apostel Paulus Schiffbruch im Mittelmeer. Er landete auf der Insel Malta und wurde dort aufgenommen. Heute hätte er schlechtere Karten.

Der mächtige Sturm bricht in der Nähe von Kreta los. Ein gewaltiges Unwetter, das das  Boot steuerlos werden lässt. Fast zwei Wochen treibt es auf dem Mittelmeer, eine Nuss-Schale mit 276 Seelen an Bord, den Gewalten des Meeres schutzlos ausgeliefert. Bis dann das Boot vor Malta auf eine Sandbank läuft. Das Vorderschiff bohrt sich in den Boden, das Hinterschiff aber zerbricht. Dramatisch geht es zu: Die, die schwimmen konnten, retten sich aus eigener Kraft; die anderen gelangen auf Brettern an den Strand.

Und die Inselbewohner? Die kommen schnell herbei, leisten Erstversorgung für die Gestrandeten und nehmen sie bei sich auf. „Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß“, ist aus dem Bericht dieser Katastrophe zu erfahren.

Eine fast unglaubliche Begebenheit ist das, jedenfalls nach den gegenteiligen Erfahrungen, die viele Bootsflüchtlinge derzeit machen müssen. Der jüngste Rettungsskandal ist  mit dem Schiffsnamen „Aquarius“ verbunden und dem Schicksal von 600 Flüchtlingen, die entlang der europäischen Küsten  von Hafen zu Hafen weitergereicht wurden.

Tatsächlich  ist die Geschichte von Schiffbruch, Rettung und gastfreundlicher Aufnahme der „276 Seelen“ uralt, fast 2000 Jahre her. Nachzulesen ist sie im 27. Kapitel der biblischen Apostelgeschichte, in dem von der Überfahrt des Paulus nach Rom und seiner Rettung auf Malta erzählt wird.Heute wäre Paulus mit den anderen Schiffbrüchigen vermutlich abgewiesen und mit Rettungsbooten nach Spanien „verschifft“ worden.

Jede historische Gleichsetzung ist ein wenig schief, weil natürlich die Umstände jeweils andere sind. Doch bleibt immer auch ein Kern der Überschneidung, der dann Anlass gibt, über unser heutiges Verhalten nachzudenken. Denn fast scheint es so, als könne die Union Europas allein dadurch noch gewahrt werden, dass  sie  sich nach außen abgrenzt, etwas genauer und realistischer: abschottet. Als ob die viel gerühmte Idee Europas sich im 21. Jahrhundert in dem Willen zur Festung Europas erschöpft hat

Dabei war ausgerechnet das Mittelmeer – in dem viele Menschen heute nur ein offenes und aufwendig zu kontrollierendes Tor zum Kontinent sehen – eine der Lebensadern Europas; nicht allein in materieller, sondern auch in geistiger Hinsicht. Denn so lange ist es noch nicht her, dass der Traum von einer Union am Mittelmeer geträumt wurde.

Unter der Führung Frankreichs sollte eine Art drittes Imperium geboren werden, quasi ein neues Lateinisches Reich wenigstens als Rückgrat Europas. Frankreich sollte südliche und nördliche Mittelmeeranrainer zusammenführen und auf diesem Wege ein neues Kerneuropa aus der Taufe heben. Aus heutiger Sicht ist das kaum mehr als eine geopolitische Utopie, zumal diese mediterrane Einheit auch eine jüdisch-arabische Föderation einschloss. Noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts aber war es für manche eine verheißungsvolle Idee. Paul Valéry, Albert Camus und Fernand Braudel gehörten zu den glühenden Unterstützern dieser Vorstellung. Es sollte ein neues Mare nostrum werden, also unser Meer. Doch die Mittelmeer-Union ist uns fast so fremd geworden wie die Paulus-Rettung auf Malta. Europa hat sein Gesicht gewandelt, und nirgends wird das so deutlich wie im Mittelmeerraum.

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin ist kürzlich eine große Ausstellung zum Thema eröffnet worden: „Europa und das Meer“ heißt sie. Und dazu gehört dann auch das Kapitel „Massengrab Mittelmeer“. Über dieses Meer geht nach wie vor der vitale Traum der Migranten, es ist weiterhin verbunden mit der Hoffnung der Flüchtlinge, Krieg, Verfolgung und auch Armut zu entkommen.

„Zwischen Afrikas Träumen und Europas Ängsten liegt das Mittelmeer“, schreibt der Berliner Historiker Cord Pagenstecher zur Berliner Schau. Und Europas Ängste werden nachdrücklich geschürt mit Metaphern, die bezeichnenderweise allesamt dem Maritimen entspringen. Von „Strom“, „Welle“ und „Springflut“ ist dann die Rede, Naturkatastrophen, die über Europa scheinbar wie aus dem Nichts hereingebrochen sind.

Wobei das gelegentlich verwendete Vokabular von der „Festung Europas“ und der Klage „Das Boot ist voll“ auf die Zeit des Holocaust zurückgeht. Es war der Schweizer Justizminister Eduard von Steiger, der 1942 damit die Zurückweisung jüdischer Flüchtlinge rechtfertigte.

Das Mittelmeer ist längst zum wehrhaften und tragischen Wassergraben zwischen Kontinenten geworden. In den zurückliegenden 25 Jahren sollen mehr als 25.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sein. Zwei Drittel der Leichen liegen auf dem Meeresboden. Die europäische Migrationsabwehr, so Pagenstecher, zeigt Wirkung. Laut UN-Information erreichen drei Prozent aller Flüchtlinge weltweit Europa. 2016 erreichten übers Mittelmeer etwas mehr als 363.000 Menschen das europäische Festland, das sind 0,07 Prozent aller EU-Bürger.

Der Apostel Paulus hätte heutzutage auf Malta wahrscheinlich schlechte Karten gehabt. Damals aber durfte er nach dem Schiffbruch an Land gehen, wurde aufgenommen und durfte predigen. Heute ist Paulus der Schutzpatron der Insel. „Vater“ nennen ihn die Malteser; sie sind stolz darauf, vom heiligen Paulus selbst christianisiert worden zu sein.

Paulus hat den Insel-Bewohnern im Mittelmeer  das Christentum gebracht, weil sie selbstlos Menschen in Not halfen. Wer sich aufs Christentum als ein Fundament Europas beruft, sollte auch die Apostelgeschichte bedenken.

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