Wie der Hunger entsteht

Wie der Hunger entsteht

In Ostafrika bahnt sich eine der schlimmsten humanitären Katastrophen seit Jahren an. Schuld daran ist aber nicht nur die Trockenheit, sondern vor allem auch politisches und ökonomisches Versagen.

Düsseldorf Sie sind erschütternd, die Bilder der schwarzen Kinder, deren Knochen sich durch die Haut zu bohren drohen, und die verzweifelten Blicke ihrer ausgemergelten Mütter. Bis zu 13 Millionen Menschen sind am Horn von Afrika akut vom Hungertod bedroht, jeden Tag sterben Hunderte. Doch wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen?

Das Drama nimmt seinen Anlauf im Hochsommer 2010. Weit draußen auf dem Pazifik zeichnen die Messbojen der Klimaforscher eine kaum spürbare Abkühlung der Wassertemperatur auf. Das Phänomen ist bekannt, es handelt sich um "El Nina", eine periodisch auftretende kalte Meeresströmung. Die unscheinbare Schwester des weitaus bekannteren "El Nino" sorgt dafür, dass über dem Pazifik weniger Wasser verdampft. Folge: Im Osten Afrikas fällt erheblich weniger Regen. Ab Ende des Jahres warnen Experten vor einer drohenden Hitzewelle für Teile von Somalia, Äthiopien und Kenia. Und sie sagen eine Missernte voraus.

Die Klimaforscher behielten recht. In einigen Regionen Ostafrikas fielen in den beiden letzten Regenzeiten nur zehn bis 30 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge. In der Dürre verdursteten Tausende Rinder, das Getreide verdorrte auf den Feldern. Die Ernteausfälle sind schlimm, aber die betroffenen Länder hätten sie vielleicht noch verschmerzen können. Wenn nicht gleichzeitig die Preise für Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt explodiert wären – befeuert von Finanzspekulanten und dem Hunger der Industriestaaten nach Bio-Sprit.

In Äthiopien etwa stieg der Preis für Mais innerhalb eines Jahres um 117 Prozent. Importe können sich die notleidenden Länder jetzt nicht mehr leisten; und die einheimische Bevölkerung muss mit der starken globalen Nachfrage konkurrieren. Zugleich verteuert der steigende Ölpreis auch Transporte von Nahrung und Wasser. Den Menschen bleibt noch weniger Geld für den Kauf von Nahrung. Ein Teufelskreis.

Jetzt ist sich jeder selbst der Nächste. Einige Regierungen in der Region greifen zu drastischen Maßnahmen, die die Situation endgültig entgleisen lassen. Erst Äthiopien, dann auch Tansania machen ihre Grenzen dicht, verhängen ein Exportverbot für Getreide. Bauern und Händler sollen dazu gezwungen werden, die knapper werdenden Bestände auf dem heimischen Markt zu verkaufen, um so die Versorgung zu sichern und den Preisanstieg künstlich zu stoppen. Für Länder mit noch schlechterer Ernte bedeutet dies aber noch größeren Mangel. Der Nahrungshandel bricht zusammen. Die verzweifelten Bauern beginnen, ihre letzten Tiere zu verkaufen, um mit dem Erlös Getreide zu kaufen. Doch die Preise sind im Keller. Als im Mai der ersehnte Regen erneut ausbleibt, ist das Desaster nicht mehr aufzuhalten.

Bewaffnete Konflikte in der Grenzregion zwischen Somalia und Äthiopien, wo marodierende Söldner der islamistischen Shahaab-Miliz ihr Unwesen treiben, halten die Bauern vielerorts davon ab, wenigstens die bescheidene Dürre-Ernte noch einzubringen. Schließlich verlassen Zehntausende ihre Heimat, begeben sich auf verzweifelte Todesmärsche durch die Wüste.

Es handelt sich um eine Naturkatastrophe, kein Zweifel. Die Erderwärmung wird nach Einschätzung von Klimaexperten das Auftreten des Monsuns immer stärker verzögern, was die Lebensgrundlage der Menschen in den Trockenregionen der Erde langfristig zerstören dürfte. Andererseits hat die Zunahme des Hungers bereits eingesetzt, bevor der Klimawandel die Erträge drastisch verringern konnte. Experten wie der indische Ökonom Amartya Sen vertreten sogar die Ansicht, dass Hungerkatastrophen mit klimatischen Bedingungen nur wenig zu tun haben. Gerade in Afrika sind Hungersnöte nicht auf Dürrezeiten begrenzt. Häufig sind die Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, weil sie ihre Felder aufgrund von Kriegswirren nicht bestellen können. Oder sie hungern, weil ihre Regierungen versagen wie etwa in Simbawe, der einstigen Kornkammer Afrikas, die von Diktator Robert Mugabe heruntergewirtschaftet wurde.

(RP)
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