Wie das Internet dem Attentäter half

Wie das Internet dem Attentäter half

5000 "Freunde" hatte der mutmaßliche Attentäter Anders Breivik beim Internet-Portal Facebook. Details über den Mordplan verschickte er per E-Mail kurz vor dem Anschlag, Hinweise zum Bombenbau fand er im Netz. Psychologen und Ermittler rätseln, wie die Internet-Spuren von Menschen wie Breivik genutzt werden können, um ihre Pläne rechtzeitig zu vereiteln.

Berlin/Düsseldorf Den tödlichen Plan des mutmaßlichen Osloer Massenmörders Anders Behring Breivik hatten ausgewählte Mitglieder der rechtsextremen Szene in Deutschland eine Stunde vor der Explosion in Oslo in ihrem elektronischen Postfach. Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren war, hatte Breivik sein 1500-seitiges Manifest "2083 – Eine europäische Unabhängigkeitserklärung" am Freitagmittag gegen 14 Uhr an rechtsextreme Organisationen gesandt, darunter auch an die Zentrale der rechtsextremen Partei NPD in Berlin sowie an Gruppen wie den "Nationalen Widerstand Dortmund", die "Autonomen Nationalisten Ostfriesland" und die Bremer Partei "Bürger in Wut". Kurz nach 15 Uhr detonierte der Sprengsatz in Oslo; gegen 17 Uhr begann das Massaker an Jugendlichen auf der Insel Utoya.

In dem Dokument, das in englischer Sprache verfasst ist, unterstellt Breivik, dass die westliche Welt seit dem Zweiten Weltkrieg vom sogenannten "Kulturmarxismus" dominiert werde. Damit wird im rechtsextremen Milieu die multikulturelle Gesellschaft als Feindbild bezeichnet. Breivik warnt vor einer "islamischen Kolonisierung" Europas und beschreibt detailliert, wie er sich im Internet Anleitungen zum Bau der Bombe besorgte und mit welchen Bloggern aus der anti-islamischen Szene er Kontakt hatte. Sich selbst bezeichnet der 32-Jährige als "grundsätzlich entspannter, recht toleranter Mensch", der nur etwas gegen fremde Nationen habe, wenn diese sich mit seiner Nationalität mischten.

Das Internet war offenbar ein zentrales Instrument in Breiviks Planungen. 5000 Personen zählte er auf seiner inzwischen gelöschten Profilseite im Internet-Netzwerk Facebook zu seinen "Freunden". Er besorgte sich Hunderte im Internet veröffentlichter E-Mail-Adressen, um über diesen Verteiler ("E-Mail-Farming") seine radikalen Thesen in Umlauf zu bringen.

In seinem Manifest beschreibt er zudem ausführlich, wie er über das Internet-Auktionshaus Ebay Zutaten für die Bombe besorgte. Er bekennt sich außerdem zur anti-islamischen "Wiener Schule des Denkens", einer Internetplattform, die davon ausgeht, dass der Islam das christliche Europa überrennen wird, sollten die Muslime nicht wie 1683 "vor den Toren Wiens" abgewehrt werden. Die anonymen Autoren der Seite bezeichnen sich selbst als "stolze Islamophobe" sowie als Konservative und gläubige Christen, die sich für Israel und gegen die palästinensischen Ansprüche auf einen eigenen Staat aussprechen. Auf der islamkritischen Internetseite document.to warnte Breivik in einem seiner mehr als 70 Kommentare, dass Europa von "einer marxistischen Haltung verschlungen" werde.

Seinen Mordplan kommentiert Breivik in seinem Manifest zynisch. Er erklärt, dass er eine schusssichere Weste tragen wolle, weil er davon ausgehe, angeschossen zu werden. Er müsse aber überleben, weil er nach der Tat in die "Propagandaphase" eintreten wolle. Er erzählt von einem befreundeten Feuerwehrmann, der "bald alle Hände voll zu tun" haben werde.

Die Bombe, die Breivik aus Dünger und diversen Chemikalien zusammenbastelte, hat er nach eigenen Angaben im Juni 2011 auf einer Farm in Norwegen getestet. Mit der Idee zu dem Anschlag beschäftige er sich seit neun Jahren. In einem Internet-Video, das nach Berichten der norwegischen Zeitung "Dagbladet" am Freitag im Internet veröffentlicht und am Samstag von der Seite Youtube gelöscht wurde, soll er mit einem Sturmgewehr posiert und den Kampf gegen den Kulturmarxismus als seine Pflicht beschrieben haben.

Die Internet-Aktivitäten des mutmaßlichen Massenmörders werfen die Frage auf, wie frei die Meinungsbildung im Internet sein darf und wie die Sicherheitsbehörden auf extremistische Tendenzen aufmerksam werden können. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte gestern, dass das Internet im "gesamten polizeilichen und nachrichtendienstlichen Bereich und auch anderen Teilen der Verwaltung" als Quelle für Ermittlungen genutzt werde. In der Terrorismus-Bekämpfung sei das Gemeinsame Internetzentrum mit der Auswertung relevanter Internet-Inhalte befasst.

In dem Zentrum sind Experten des Bundesamts für Verfassungsschutz, des Bundeskriminalamts, des Militärischen Abschirmdienstes, des Bundesnachrichtendienstes und des Generalbundesanwalts tätig. Weitere Experten seien in einem Anti-Terrorismuszentrum zusammengefasst. Doch die Frage ist, was sie eigentlich tun können, um Täter wie Breivik vor der Tat zu identifizieren.

Das Problem bringt der Forensiker Wolfgang Retz von der Saar-Uni auf den Punkt: "Es existieren keine statistischen Prognoseverfahren zur Vorhersage von Amoktaten." Dass Breivik im Gegensatz zu den Amokschützen etlicher Schulmassaker größten Wert darauf legte, unverletzt verhaftet zu werden, ist für den Psychologen Jens Hoffmann vom Darmstädter Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement wenig überraschend: Breivik sei ein klassischer Attentäter, der sich auf einer Ein-Mann-Mission gegen ein System sehe – und nach dem Attentat eine öffentliche Heldenrolle genießen wolle.

Wie das Internet für Breivik eine entscheidende Rolle spielte, sich über einen langen Zeitraum in die fixe Idee eines mystischen Kriegers hineinzusteigern, könnte es Sicherheitsbehörden auch frühzeitig Hinweise auf drohende Gefahren liefern. Den Täter-Drang, sich und seine Pläne halb freiwillig, halb unfreiwillig zu offenbaren, beschreiben die Psychologen Herbert Scheithauer und Dietmar Heubrock in neueren Untersuchungen als "Leaking" (deutsch: Tröpfeln). Bei fast allen untersuchten Amok-Taten finde dieses Tröpfeln entscheidender Hinweise nicht erst in der Phase vor der Tatdurchführung statt, sondern schon lange davor – in Form von Gewalt- und Rachefantasien. Die Täter ließen ihre Absichten in Zeichnungen, Schulaufsätzen, Internet-Chats, E-Mails, bei Twitter und in sozialen Netzwerken durchblicken.

Das Problem besteht in der Risikoeinschätzung solcher "Leaking"-Hinweise. Weder die Schul-Amoktäter noch die klassischen Attentäter wie Breivik entsprechen einem typischen Profil junger Gewalttäter. Daher versagen Prognoseinstrumente, wie sie bei der Vorhersage von Gewaltstraftaten eingesetzt werden. Es gibt kein einheitliches demografisches Profil, fast nie schwere psychische Störungen oder zerrüttete Familienverhältnisse. Und die Täter folgen Plänen statt Impulsen. Der Psychologe Georg Milzner, der Amokläufer in seiner 2010 erschienen Untersuchung "Die amerikanische Krankheit" als Symptome einer zerbrechenden Gesellschaft betrachtet, schlägt vor, sich das "Leaking"-Verlangen der Täter zunutze zu machen: Man solle sie im Internet gezielt einladen, sich mitzuteilen – um sie von der geplanten Tat abzubringen, indem man ihnen die erstrebte öffentliche Heldenrolle verweigere.

(RP)