Abuja: Was wurde aus . . . Boko Haram?

Abuja : Was wurde aus . . . Boko Haram?

Die nigerianischen Behörden scheinen machtlos gegen die radikal-islamischen Terroristen. Deren religiöses Motiv ist ein Vorwand.

Der Anschlag kam an diesem Morgen ohne jedes Vorzeichen. Es gab nichts, was die Menschen auf eine Katastrophe vorbereitet hätte. Denn bis zu diesem Tag gab es hier in Madala, einem Vorort der nigerianischen Hauptstadt Abuja, keine gewaltsamen Angriffe gegen Christen. Deswegen ist die Stimmung an diesem 25. Dezember 2011 auch heiter während der Weihnachtsmesse. Bis es geschieht: Die Gläubigen verlassen gerade die Kirche St. Theresa, als ein Auto in die Menge rast, ein Sprengkörper explodiert und 44 Menschen in den Tod reißt. Das jüngste Opfer ist ein sieben Monate alter Junge, das älteste eine 60-jährige Frau. Fast zeitgleich werden zwei weitere Kirchen in Nordnigeria angegriffen, am selben Tag bekennt sich die radikal-islamische Boko-Haram-Bewegung zu der Anschlagserie.

Seitdem hat Boko Haram das bevölkerungsreichste Land Afrikas mit Terror und Tod überzogen. Bei Schießereien und Anschlägen kamen allein 2012 mindestens 792 Menschen um. Wegen des Anschlags auf die St.-Theresa-Kirche konnte bisher niemand verhaftet werden.

Boko Haram bedeutet in dem örtlichen Hausa-Dialekt "Westliche Bildung ist eine Sünde", die Mitglieder sehen sich selbst als "nigerianische Taliban". Die Gruppe entstand um 2000 herum im Norden des Landes. Damals war es noch eine lose Protestbewegung, die sich dann zunehmend radikalisierte und seither für einen islamischen Gottesstaat kämpft. Es wird geschätzt, dass sich bis zu 3000 Mitglieder bei der fundamentalistischen Gruppe engagieren, meist ungebildete, junge Männer. Boko Haram ist zu einer der gefährlichsten Terrororganisationen der Welt geworden. Sie soll auch enge Verbindungen zu den Islamisten in Mali unterhalten.

Eine ernstzunehmende Gefahr für den Zusammenhalt Nigerias ist Boko Haram seit 2009, als die nigerianische Führung versuchte, die fundamentalistische Gruppe zu zerschlagen. Damals wurde ihr Gründer Mohammed Yusuf von Polizisten erschossen. Aus Rache werden seitdem regelmäßig Polizeistationen und Kirchen angegriffen. Dass die Terrorgruppe "eines Tages verschwinden wird", wie Nigerias Präsident Goodluck Jonathan erklärte, ist jedoch unwahrscheinlich – denn Polizei und Geheimdiensten fehlt offenbar jeglicher Zugang zu den Terroristen.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist Nigeria das religiöseste Land der Welt – 92 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als "tief religiös", sieben Prozent als "sehr religiös". Es ist gleichzeitig der größte christlich-islamische Staat der Welt, 50 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Muslime, 40 Prozent Christen, zehn Prozent Anhänger traditioneller Religionen. Auch wenn es hin und wieder so dargestellt wird: Es gibt keinen Krieg der Kulturen in Nigeria. "Anders als vielfach berichtet, zielen die Anschläge der Terrorgruppe Boko Haram in erster Linie auf Muslime, denen sie Verwestlichung unterstellt, und auf den Staat. Christen sind auch Opfer der Terrorakte, aber nicht Hauptziel", sagt Toni Görtz, Nigeria-Referent des katholischen Hilfswerks Missio.

Die Religion ist wie so oft ein Vorwand. Die Terroristen nennen ihren Feldzug "Dschihad", den "heiligen Krieg", dabei ist es ein Feldzug für politische Macht; wirtschaftliche, ethnische und politische Gründe spielen mit. So wirft die 2015 fällige Präsidentenwahl ihre Schatten voraus. Der amtierende Staatschef ist ein Christ aus dem ölreichen Süden.

Die meisten islamischen Bewohner im Norden Nigerias betrachten christliche Bauern und Kaufleute, die zum Teil schon seit Jahrzehnten in der Region leben, noch immer als Fremde und Eindringlinge. Diesen "Siedlern" ist es nicht erlaubt, sich um politische Ämter zu bewerben oder sich an lokalen Wahlen zu beteiligen. Diese Diskriminierung gilt auch für Muslime im Süden – ihnen werden nicht sämtliche Bürgerrechte eingeräumt. Sogar über eine mögliche Trennung zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden wird spekuliert.

Dabei ist es vielmehr eine Grenze zwischen Arm und Reich, die sich durch das Land zieht: Die zwölf Bundesstaaten im Norden sind die unterentwickeltsten Regionen Nigerias. Vom Reichtum des Südens, wo täglich 2,1 Millionen Barrel Rohöl gefördert werden, kommt im Norden nichts an. Nigeria gilt als eines der korruptesten Länder der Erde. Diese Symbiose von Elend, Korruption und Armut ist bester Nährboden für Verzweiflung und radikale Ideen.

(RP)