1. Politik

Was die Politszene durch den Rückzug des österreichischen Ex-Bundeskanzlers verliert

Rückzug von Sebastian Kurz : Ende einer Jugend

Mit dem Rückzug des österreichischen Ex-Bundeskanzlers Sebastian Kurz verliert die Politszene einen jugendlichen, smarten, höflich auftretenden Konservativen, der sein Schwiegersohn-Image zu nutzen wusste. Wohl auch für Machenschaften, deretwegen nun die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Nun dankt er also ganz ab, Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz. Nach Korruptionsvorwürfen und seinem Rücktritt als Regierungschef hat er verkündet, auf alle Ämter verzichten zu wollen. Bis auf Weiteres soll Schluss sein mit der Politik. „Prinz Gutgelaunt“, so hatte ihn die Presse getauft, sagt Servus. Und die politische Szene verliert einen höflichen, smarten, feschen Politiker, der seine Jugendlichkeit zu nutzen wusste, um dem Konservatismus einen neuen Typus zu bescheren: unverbraucht, dynamisch, eloquent, selbstsicher, elegant, nicht soft. Einer, der sich nicht schämt für sein Schwiegersohn-Image, sich nicht in linkische Selbstironie flüchtete wie deutsche Jungs-Konservative vom Schlage  Philipp Amthors, sondern  das Geschniegelte, Zuvorkommende, Höfisch-Höfliche kultivierte. Dass hinter der bügelglatten Fassade nicht nur der Wille zur Macht stand, wie bei jedem, der es in der Politik zu etwas bringen will, sondern auch ein schwer abschätzbares Maß an Skrupellosigkeit, die Bereitschaft, sehr weit zu gehen für Einfluss und Karriere,  wenn nötig auch noch etwas weiter, ahnte man früh. Für viele machte ihn das noch attraktiver.

Mit 24  Staatssekretär, mit 27 Außenminister, mit 31 österreichischer Bundeskanzler und damit jüngster Regierungschef der Welt. Man könnte jetzt über seine Bildschirmtauglichkeit schreiben, seine rhetorischen Qualitäten, seine pomadige Frisur und die angenehmen Umgangsformen, über dieses selbstbewusst Streberhafte, immer wieder aber auch Demütige seines Auftretens, das ihn zum Politstar werden ließ. Von der politischen Bühne verabschiedete er sich mit den Worten, er sei weder „ein Heiliger noch ein Verbrecher“. Doch natürlich ist die bisherige Laufbahn von Sebastian Kurz nicht nur eine Frage des Stils und der Optik.  Schon als Integrationspolitiker hat Kurz gelernt, etwas, das nach Problemen klingt, das Hass heraufberschwört und von dem die Menschen lieber nichts hören wollen, in etwas Angenehmes zu verwandeln. In Erfolgsgeschichten. Alles eine Frage der Verkaufe. Wer das so sieht, will die Öffentlichkeit nicht überzeugen, durch das, was er tut, sondern ein gutes Bild abgeben, um zu tun, was er will. Dass Kurz am Ende über seine Verstrickung in Manipulationsmachenschaften stürzen würde, ist wenig überraschend. Dass es so früh geschieht,  schon.

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Kurz hat aber nicht nur eine schnelle, steile Karriere vorgelegt, die mit seinem Rückzug jetzt  wohl nicht zu Ende sein dürfte. Er hat Sehnsüchte erfüllt auch jenseits von Österreich, war eine markige Stimme in Europa, die  ein alpenländisches „Österreich first“ propagierte, etwa Afghanen auch dann noch abschieben wollte, als die Taliban schon  halb Afghanistan überrannt hatten. Auch in Deutschland war er oft zu Gast, wurde als Hoffnungsträger und Zukunftsversprechen von konservativen Kollegen empfangen, von den Medien geliebt, weil er so frisch rüberkam. Nicht nur ein junges Gesicht, sondern ein optimistisches. Ein Erfolgstyp, der nicht rumeiert, sondern Ziele verfolgt. In Österreich gab es seit Bruno Kreisky in den 70er Jahren keinen vergleichbaren Politiker mehr.

Kurz wirkte eben nie wie einer, der sich in der Partei hochgequält hatte, sondern wie ein Wunderknabe, der es eine Weile versuchen wollte mit der Politik. Dinge voranbringen. Konservative Positionen populär machen. Populismus salonfähig. Und so verschwindet er jetzt auch wieder. Gerade Vater geworden, zieht er sich zurück. Um der Familie willen, scheinbar freiwillig. Korruption, Rücktritt, Immunitätsverlust, nichts von dem soll hängen bleiben, sondern die Erinnerung an einen modernen Vater, der Politik auch wieder sein lassen kann. Berufliche Neuorientierung, heißt es. Kurz tritt aus der politischen Öffentlichkeit. Vorerst. Erst ist noch immer jung.