Düsseldorf: Was der Präsident mit den "Stahlgewittern" meint

Düsseldorf: Was der Präsident mit den "Stahlgewittern" meint

Es ist ein ungewöhnlicher Vergleich aus dem Mund eines Bundespräsidenten. Er sei zuversichtlich, dass "dieses Stahlgewitter bald vorbei ist", sagte Christian Wulff in seiner Neujahrsansprache an die Mitarbeiter des Bundespräsidialamts nach einem nicht dementierten Bericht der "Bild am Sonntag". Wulff meinte die Kritik an seinen diversen Affären – ursprünglich beschreibt die Metapher "Stahlgewitter" jedoch die Schrecken des Ersten Weltkriegs, so wie sie der Schriftsteller Ernst Jünger (1895–1998) als deutscher Offizier an der Westfront in Frankreich erlebte.

Jüngers Werk "In Stahlgewittern. Tagebuch eines Stoßtruppführers" durchlebte wie der Schriftsteller selbst eine wechselnde Karriere in der Anerkennung durch die deutsche Öffentlichkeit. In seinem Hauptwerk verarbeitet Jünger seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. Er meldete sich 1914 freiwillig zum Militär und schlug die Offizierslaufbahn ein. 1916 nahm er an mehreren besonders verlustreichen Schlachten des Krieges teil, mehrfach wurde er verwundet. Die Forschung stellt Jünger als einen wagemutigen Offizier da, der das Ritterkreuz und gegen Kriegsende 1918 den Orden Pour le Mérite, die höchste militärische Auszeichnung des Kaiserreichs, erhielt.

Anders als etwa Erich Maria Remarque ("Im Westen nichts Neues") verarbeitete Jünger seine Erlebnisse nicht zu einem Antikriegsroman. Der Hauptvorwurf der Kritik an "In Stahlgewittern " richtete sich nach dem Erscheinen des Romans 1920 gegen als kriegsverherrlichend empfundene Passagen des Buches. Jünger schildert in der Tat den Waffengang als Naturkatastrophe, gleichzeitig heroische Prüfung der Männlichkeit. Der Titel, der an den Donner der gewaltigen im Ersten Weltkrieg verwendeten Geschütze und den sich durch Rauch und Pulverdampf verdunkelnden Himmel erinnert, Jüngers Stil überhaupt wurden als das Grauen überästhetisierend empfunden. Gleichzeitig wuchs jedoch das Verständnis für den großen Stilisten Jünger. Es fand Ausdruck in zahlreichen Auszeichnungen, nicht zuletzt im Land seines ehemaligen Kriegsgegners Frankreich. In Düsseldorf erhielt er 1965 den Immermann-Preis der Stadt, der inzwischen vom Heine-Preis abgelöst wurde.

Der breiten Öffentlichkeit wurde Jünger erst gegen Ende seines Lebens bekannt, als ihn 1993 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident Francois Mitterrand gemeinsam in Wilflingen (Baden-Württemberg) besuchten. Kohl erfüllte damals Mitterrand, einem Mann der Bücher, einen großen Wunsch.

(RP)
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