Analyse der neusten Geburtenstatistik: Warum Paare kinderlos bleiben

Analyse der neusten Geburtenstatistik : Warum Paare kinderlos bleiben

Jede fünfte Frau in Deutschland zwischen 40 und 44 Jahren hat kein Kind. Doch steht dahinter oft keine bewusste Entscheidung, sondern Lebenswege ergeben sich so – und darin spiegeln sich die sozialen Verhältnisse.

Jede fünfte Frau in Deutschland zwischen 40 und 44 Jahren hat kein Kind. Doch steht dahinter oft keine bewusste Entscheidung, sondern Lebenswege ergeben sich so — und darin spiegeln sich die sozialen Verhältnisse.

Manchmal funktionieren Statistiken wie ein Spiegel, in den die Gesellschaft blickt — und erschrickt. Als jetzt das Statistische Bundesamt seinen Report über "Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland" veröffentlichte, wurden Tendenzen offenbar, die Soziologen schon länger beschäftigen. Denn es sind Tendenzen, die mangelndes Vertrauen in die sozialen Systeme spiegeln, Angst vor instabilen Verhältnissen — die Verunsicherung des flexiblen Menschen.

Die Statistiker beschreiben es so: Immer mehr Frauen in Deutschland bleiben kinderlos. Im vergangenen Jahr hatte jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren kein Kind. Wenn sich Familien überhaupt für Nachwuchs entscheiden, tun sie das immer später. Im Schnitt ist eine Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes heute 29 Jahre alt. Darum gibt es auch immer weniger kinderreiche Familien. Wenn es ein Zeichen der Lebensbejahung, des Zutrauens in die Zukunft und in die Beständigkeit sozialer Bindungen ist, ein Kind in die Welt zu setzen, dann müssen diese Zahlen alarmieren.

Zwar kann man die Statistik individuell betrachten und danach fragen, warum Frauen sich gegen Kinder entscheiden. Dann stößt man darauf, dass sie immer häufiger akademische Abschlüsse machen, sich später im Leben fest binden, dass sie erst den Berufseinstieg meistern und sich ein wenig vorgearbeitet haben wollen, ehe sie eine Familie in Betracht ziehen. Und dann fehlen Betreuungsmöglichkeiten, sichere Stellen, die eine Rückkehr in den Beruf garantieren, Partner, die das Abenteuer mitmachen wollen.

Kinderlosigkeit betrifft nicht nur Frauen

Doch wer bei den Frauen anfängt, um nach den Ursachen für den Kinderrückgang in Deutschland zu forschen, macht schon die ersten Fehler. Denn erstens ist Kinderlosigkeit kein Thema, das nur die Frauen betrifft — wenn sich die Statistiker auch naturgemäß an sie halten. In der Regel treffen auch potenzielle Väter die Entscheidung gegen ein Kind. Vor allem aber ist Kinderlosigkeit meist gar keine bewusste Entscheidung, sondern sie ergibt sich aus dem, was wir Lebensweg nennen. Und Lebenswege sind immer Abbild der sozialen Verhältnisse — auch wenn es sich für den Einzelnen nicht so anfühlt.

Zwar erscheint in einer Gesellschaft, die auf Individualismus setzt und dem Einzelnen Wahlmöglichkeiten für alles Mögliche einräumt, auch der Entschluss für oder gegen Kinder als eine individuelle Frage. Doch in Wahrheit kann der Mensch in westlichen Gesellschaften zwar über viele Details seines Lifestyles bestimmen, in sozialen Fragen wie der Familiengründung aber reagiert er auf die Verhältnisse: auf ökonomische Bedingungen, den Wandel von Bildungsgängen, das kulturell geprägte Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Autonom ist er nur als Konsument.

Und so schlagen sich soziale Entwicklungen wie Arbeitslosigkeit in den Familientrends nieder. Die Wirtschaftskrise etwa hat im letzten Jahrzehnt die Geburtenraten in Europa gedrückt. Im Durchschnitt von 28 europäischen Ländern blieb die Kinderzahl pro Frau desto stärker hinter dem zu erwartenden Trend zurück, je höher die Arbeitslosenquote in dem betreffenden Land stieg. Das hat eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock ergeben. Der Entschluss für oder gegen ein Kind ist also die allerpersönlichste Entscheidung — und zugleich ein Reflex auf die ökonomische und soziale Lage in einem Land.

Natürlich kann jedes kinderlose Paar seine eigene Geschichte erzählen. Natürlich gibt es Menschen, die ein Leben lang von einer Familie träumen, aber nie den rechten Partner finden. Und genauso gibt es Frauen und Männer, die sich schlicht nicht berufen fühlen, ihre Zeit mit Kindern zu verbringen. Sie finden Erfüllung in Partnerschaft und Beruf, haben keine Sehnsucht nach den Turbulenzen, die jede Familiengründung mit sich bringt, und empfinden ihre Kinderlosigkeit nicht als Mangel. Selbstverständlich ist das kein bisschen besser oder schlechter als der Entschluss für Kinder.

Familiengründung = Armustrisiko?

Problematisch wird es allerdings, wenn in einer Gesellschaft ein Klima der "Kindentwöhnung" entsteht, wenn Familiengründung als problematisch gilt, als Armutsrisiko. Der moderne Arbeitsmarkt verlangt und belohnt den flexiblen Menschen, der immer verfügbar ist. Kinder machen aber mit Sicherheit unflexibel. Darum muss der Staat Menschen unterstützen, die sich — zumindest für ein paar Jahre — gegen Analyse ddie totale Verfügbarkeit entscheiden. Der Ausbau der Betreuungsangebote ist ein Schritt in diese Richtung.

Wahrscheinlich lehren die Daten zur Kinderlosigkeit aber auch, dass in Deutschland die Ansprüche an Elternschaft zu hoch geschraubt sind. Mütter und Väter sollen beruflich erfolgreich und völlig abgesichert sein, zugleich aber sehr viel Zeit für ihre Kinder haben. Wenn schon Nachwuchs, dann auch richtig, dann bringt man das ersehnte Kind doch nicht in die Kita — diese Haltung hat zur Folge, dass Paare die Familiengründung immer weiter nach hinten schieben. Sie warten auf den idealen Moment im Leben. Und irgendwann wird aus Aufschub Verzicht. So korrespondiert die steigende Kinderlosigkeit am Ende mit dem Phänomen der "Helikopter-Eltern". Die entscheiden sich zwar für ein Kind, überfrachten dann aber diesen Entschluss mit viel zu hohen Erwartungen, setzen sich und ihre Kinder unter Leistungsdruck.

Möglich also, dass auch die neuen Zahlen zum Geburtentrend insgeheim nur Gelassenheit lehren sollten. Vielleicht braucht Deutschland noch viel mehr Kita-Plätze. Vielleicht braucht das Land aber vor allem ein unverkrampfteres Verhältnis zur Elternschaft. Wenn Männer und Frauen glauben, dass sie selbst und ihre Lebensbedingungen perfekt sein müssen, damit sie das Wagnis Kind eingehen dürfen, ist es für die Gesellschaft längst zu spät.

Hier geht es zur Infostrecke: Kita-Beiträge in der Region

(dok)
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