Warum Ostafrika hungert

Warum Ostafrika hungert

Für die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika gibt es eine Reihe von Gründen: etwa die Dürre, den Bürgerkrieg oder Spekulationen an den Rohstoffmärkten. Für die Hilfskräfte wird es von Tag zu Tag schwieriger, die mehr als 13 Millionen vom Tode bedrohten Menschen zu retten.

Dolo Ado 13 304 986 Menschen sollen durch die Dürre in Äthiopien, Kenia, Somalia und Dschibuti akut vom Tod bedroht sein. Der jüngste Bericht der Vereinten Nationen zur Hungerkatastrophe am Horn von Afrika überrascht mit exakten Zahlen. Ein Besuch in der Krisenregion an der äthiopisch-somalischen Grenze lässt an dieser Genauigkeit Zweifel aufkommen: Im Kriegsgebiet von Somalia lässt sich wohl kaum ein Überblick über die Notleidenden gewinnen; wie viele Tausend Menschen unterwegs auf der Flucht gestorben sind, wird ebenfalls niemals zu ermitteln sein. Aber ob es nun zwölf, 13 oder gar 14 Millionen Betroffene sind – dahinter stehen tragische Einzelschicksale: Familien wurden zerstört, Frauen von ihren Männern getrennt. Besonders kleine Kinder sind für Krankheiten anfällig und sterben auch dann, wenn sie scheinbar rettende Flüchtlingslager wie in Dolo Ado erreicht haben. Was sind die Gründe für diese Katastrophe? Ist sie überhaupt einzudämmen? Was kann man tun? Neun Problemfelder, die die Hilfe so schwer machen:

Das Wetter Vordergründig hat der Ausfall von zwei Regenzeiten die Katastrophe ausgelöst. Brunnen und Wasserstellen sind versiegt, die Hirten verloren mit ihrem verdursteten Vieh die Lebensgrundlage. Die hungernden Bauern haben in ihrer Verzweiflung ihr Saatgut gegessen, so dass selbst durch wieder einsetzenden Regen den Menschen nicht geholfen wäre. Im Gegenteil: Schlamm würde die unbefestigten Pisten für die Lastwagen mit Lebensmitteln, die über Hunderte von Kilometern herangeschafft werden müssen, unpassierbar machen. Das würde die Katastrophe noch vergrößern.

Der Krieg Somalia zerfleischt sich seit Jahrzehnten in einem Bürgerkrieg, in den andere Staaten und islamistische Kämpfer eingegriffen haben. Die Hungerregionen werden von der taliban-ähnlichen Al-Shabaab-Miliz kontrolliert, die die Bevölkerung ausplündert und Hilfsorganisationen mit dem Tod bedroht. Al Shabaab erlaubte Frauen und Kindern die Flucht, droht aber bei deren Rückkehr mit ihrer Ermordung. Die Miliz hat sich im vergangenen Jahr offiziell zum Terrornetzwerk al Qaida bekannt und finanziert sich neuerdings aus "Schutzgeldern", die sie von somalischen Piraten kassiert. Äthiopien steht nicht nur in Somalia gegen al Shabaab im Kampf, sondern auch gegen Eritrea; neue Kämpfe im Sudan haben eine weitere große Flüchtlingswelle nach Äthiopien ausgelöst.

Die Größenordnung Gleich fünf afrikanische Länder sind von der Katastrophe betroffen, wobei Eritrea, das von manchen Beobachtern mit Nord-Korea verglichen wird, Ausländern keinen Einblick ermöglicht. Die Flüchtlingslager wie in Dolo Ado sind überfüllt, was die Verbreitung tödlicher Krankheiten beschleunigt. In der Region grassiert die Cholera; täglich sterben fast 200 Kinder an Masern. Die internationalen Hilfsorganisationen sind überfordert, auch weil die betroffenen Gebiete so riesig sind. Nach Dolo Ado lässt sich aber keine Luftbrücke aufbauen, weil es nur eine kurze Sandpiste als Landeplatz gibt. Lkw-Transportraum ist knapp, die Straßen sind schlecht.

Die Kosten Die Flüchtlingslager sind aus dem Nichts entstanden. Strom- und Wasserleitungen müssen gelegt, Zelte aufgebaut und Latrinen gegraben werden. Da die Flüchtlinge aus Somalia vielleicht nie mehr in ihre Heimat zurückkehren können, muss ferner eine Infrastruktur vom Gesundheitszentrum bis zur Schule geschaffen werden. Alle Lebensmittel kommen per Lkw von weit entfernten Häfen. Die Kosten schätzen die Vereinten Nationen allein in diesem Jahr für Ostafrika auf 1,8 Milliarden Euro; 654 Millionen davon sind noch nicht beschafft. Durch die Krisenregion um Dolo Ado fließen zwei größere Flüsse, die noch Wasser führen. Aber für wirkungsvolle Bewässerungsprojekte fehlt ebenfalls das Geld.

Die Lautlosigkeit Der Schrecken produziert keine aufrüttelnden Bilder mehr. Das erschwert die Anteilnahme. Hungernde, die es bis zu den Flüchtlingslagern geschafft haben, sehen selten todkrank aus. Doch Ärzte wie Gerhard Gradl von der Hilfsorganisation Humedica diagnostizieren erschreckende Formen von Mangelernährung. Kinder und Jugendliche seien in ihrer Entwicklung um Jahre zurück und extrem anfällig für Haut-, Augen-, Magen- und Darmerkrankungen. Beginnend mit dem Erdbeben im Januar 2010 in Haiti ist die Welt mit immer neuen großen Naturkatastrophen konfrontiert worden. Die Dürre in Ostafrika habe noch weit schlimmere Auswirkungen, sagen die Experten. Doch die Welt gewöhnt sich an die Hiobsbotschaften; die Spendenbereitschaft sinkt.

Die staatlichen Strukturen Die betroffenen Länder sind teilweise extrem arm. Äthiopien zum Beispiel entwickelt sich erkennbar in Richtung Demokratie, kämpft aber mit einem behindernden bürokratischen Apparat aus kommunistischen Zeiten. Andere Staaten sind eher Diktaturen, wie Eritrea, oder zerfallen, wie Somalia. Sie können die Katastrophe nicht allein bewältigen, pochen aber auf ihre Souveränität. Das erschwert schnelle Hilfe.

Die Helfer Spätestens das Erdbeben von Haiti hat gezeigt, dass noch keine wirksame Gesamtstruktur für das energische Eingreifen nach Großkatastrophen gefunden worden ist. UN-Organisationen leisten zwar in Ostafrika überzeugende Koordinationsarbeit. Sie müssen jedoch viele selbstständige Hilfswerke unter einen Hut bekommen, die aus aller Welt mit gutem Willen herbeieilen, aber unter anderem sehr von ihren Spendern abhängig sind. Da ist es allemal plakativer, eine Schule aufzubauen als eine Toilettenanlage. Einige Hilfsorganisationen liegen erkennbar in scharfem Konkurrenzkampf. Experten kritisieren, dass die Katastrophe zehn Monate vorher absehbar war, die Hilfe also viel zu spät angerollt ist.

Die Übervölkerung Die meisten Frauen in den Flüchtlingslagern von Dolo Ado haben mehrere Kinder. Doch können sie diese nicht selbst ernähren. Unter den internationalen Helfern herrschte Empörung, als berichtet wurde, dass der Imam von Dolo Ado die Verteilung von Kondomen untersagt habe. Die hohe Geburtenrate birgt sozialen Sprengstoff. Allein in den Lagern um Dolo Ado leben jetzt 60 000 Jungen – ohne sinnvolle Beschäftigung und zurzeit ohne Aussicht auf Bildung oder gar einen Arbeitsplatz. Die Äthiopier fürchten mit gutem Grund, dass sich Terrorzellen der al Shabaab unbemerkt unter die Flüchtlinge mischen und auf ihre Stunde warten.

Die Lebensmittelpreise Die Katastrophe ist kein rein innerafrikanisches Problem: Finanzspekulanten tummeln sich auch auf den internationalen Rohstoff-Börsen, was Lebensmittel immer teurer macht. Äthiopien zum Beispiel ist aber extrem abhängig von Weizen-Importen. Im Gegenzug sind die Preise von Kaffee verfallen – ein wichtiges Exportgut des Landes. Konkret verschärft auch unser persönlicher Umgang mit Lebensmitteln die Situation: Da die Hälfte aller produzierten Nahrungsmittel auf dem Müll landet, erhöht das ebenfalls die Preise – für uns kaum fühlbar, für arme Länder im wahrsten Wortsinn mit tödlichen Folgen.

(RP)
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