Analyse: Wahlmanipulation? Gefällt mir!

Analyse: Wahlmanipulation? Gefällt mir!

Eine Datenanalysefirma soll massenhaft Informationen aus Facebook-Profilen für Donald Trumps Wahlkampf genutzt haben. Dahinter steckt die Frage, wie leichtfertig das soziale Netzwerk mit den Daten seiner Nutzer umgeht.

Es ist eine neue Debatte, womöglich sogar ein Skandal, der da heraufzieht. Die britische Datenanalysefirma Cambridge Analytica hat mutmaßlich Informationen von mehr als 50 Millionen Facebook-Nutzern ohne deren Wissen angezapft, um 2016 den US-Wahlkampf von Donald Trump zu unterstützen. Das hat ein Ex-Mitarbeiter des Unternehmens der "New York Times" und dem "Guardian" erzählt. Dass Cambridge Analytica Trump bei dessen Kampagne geholfen hat, ist bekannt. Neu ist dagegen die mutmaßlich illegale Beschaffung der Datenmenge. Mit deren Hilfe hatte Cambridge Analytica individualisierte Wahlwerbung für Trump konzipiert, die dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten entscheidend geholfen haben soll. Cambridge Analytica widersprach dem Vorwurf, die Daten missbräuchlich behandelt zu haben.

Der Fall reicht zurück ins Jahr 2015. Damals hatte der Psychologieprofessor Aleksandr Kogan von der Universität Cambridge mithilfe einer App für Persönlichkeitsprognosen via Facebook Daten von 270.000 Nutzern und deren im Schnitt 190 Freunden gesammelt und ausgewertet - was im Einklang mit Facebooks Richtlinien stand. Die Nutzer hatten der Datenerhebung zuvor zugestimmt. Kogan behielt die Daten jedoch nicht für sich, sondern gab sie offenbar an Cambridge Analytica weiter. Facebook erklärte nun, man habe 2015 erfahren, dass ein Professor der Universität Cambridge den Konzern belogen habe. Das soziale Netzwerk widersprach aber der Behauptung, die Daten seien gestohlen worden.

Facebook hat Cambridge Analytica mittlerweile von seiner Plattform verbannt. Nach den Enthüllungen hatte Facebook zudem rasch eigene Wirtschaftsprüfer ins Londoner Büro von Cambridge Analytica beordert - wohl mit dem Ziel, dort empfindliche Informationen zu sichern. Die britische Datenschutzbehörde ICO intervenierte und schickte die Facebook-Mitarbeiter wieder heim. Die Untersuchungen wolle man schon selbst durchführen. Die ICO gab gestern bekannt, gegen Facebook zu ermitteln. Zugleich strebe man einen Durchsuchungsbefehl gegen Cambridge Analytica an. Ein Parlamentsausschuss forderte Facebook-Chef Mark Zuckerberg zur Aussage auf.

Es ist eine Geschichte, in der der Schuldige nicht sofort zu ermitteln ist. Im Zentrum steht die Frage, ob Facebook entgegen eigenen Aussagen davon gewusst hat, dass die Daten für Wahlkampfzwecke missbraucht wurden, beziehungsweise ob Facebook nach dem Verlust der Daten entschlossen gehandelt und rechtzeitig informiert hat. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Geschäftsmodell von Facebook, ohne das es Cambridge Analytica nie möglich gewesen wäre, die Daten für den Wahlkampf zu verwenden.

  • Datenskandal bei Facebook : Cambridge Analytica macht dicht

Viele Nutzer sehen in den sozialen Netzwerken eine technische Errungenschaft, um Menschen aus aller Welt miteinander zu verbinden. Dem ist auch so. Nur sind Facebook & Co. längst mehr als soziale Netzwerke. Der Verkauf von Daten ist ein Hauptgeschäftszweig. In der Regel sollen diese anonymisiert werden. Ob das immer so ist, wissen wohl nur die Unternehmen selbst. Doch auch weitgehend anonyme Daten lassen Rückschlüsse auf die Nutzer zu. Freunde, Kommentare und Seiten, die wir auf Facebook mit "Gefällt mir" markieren, sagen viel über uns aus - über unsere Gewohnheiten, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Nöte. Daraus können Wahlstrategen auf unsere politische Gesinnung schließen.

Vor Donald Trump setzte bereits der republikanische Kandidat Ted Cruz auf die Dienste von Cambridge Analytica. Die "Süddeutsche Zeitung" ermittelte in einem Datenprojekt vor der Bundestagswahl die Nähe von CSU und AfD bei Facebook. So gab es auf der Plattform mehrere Überschneidungen beider Parteien. Das heißt, Seiten oder Personen, die AfD-Anhänger mit "Gefällt mir" markiert hatten, fanden sich auch zu häufig bei den CSU-Anhängern wieder. Die Christsozialen waren im Wahlkampf thematisch so nah an der erstarkenden AfD wie keine andere ernst zu nehmende Partei. Kritiker werfen der CSU schon lange vor, rechtspopulistisches Gedankengut salonfähig zu machen. Im Endeffekt ist das aber nichts anderes als die Reaktion auf Beobachtungen des Wählermilieus auf dem Marktplatz, nur dass sich der Marktplatz auch ins Digitale verschoben hat.

Facebook & Co. geht es weniger darum, Informationen zu erzeugen oder richtigzustellen, sondern vielmehr darum, die Nutzergemeinschaft zu festigen. Nachrichten werden mit dem Ziel präsentiert, die eigene Persönlichkeit darzustellen und damit die Verbindung zu Gleichgesinnten zu stärken. Facebooks Algorithmus, der uns Nutzern die Timeline füllt, gewichtet Beiträge oder Seiten höher, die auch Freunden von uns gefallen. Wir interagieren häufiger damit - und bleiben so länger auf der Plattform. Das Meinungsspektrum wird damit eingeschränkt. Wir sehen nicht mehr alles und verirren uns in der sogenannten Filterblase. Der Effekt verstärkt sich noch einmal durch gezielte Propaganda einiger Parteien und den Einsatz von Social Bots - Programmen, die in sozialen Netzwerken menschliche Verhaltensmuster simulieren. Wer nun die Inhalte dieser Filterblasen kennt - weil er die dazu passenden Daten gekauft hat -, kann die Wahlwerbung daran anpassen. "Die Politik hat das Problem also auch erkannt", schwirrt dann in unseren Köpfen. Dabei gibt es eigentlich gar kein Problem.

Man kann die sozialen Netzwerke nun dafür maßregeln, Daten an den Meistbietenden zu verkaufen. Man sollte es vermutlich sogar. Doch auch wir Nutzer müssen uns quasi selbst maßregeln. Wir müssen uns mehr damit beschäftigen, welche Folgen unsere Interaktionen auf den Plattformen haben - und welche Möglichkeiten der Manipulation bestehen.

(jaco)