Düsseldorf: Wahlkampf-Kosten waren erstmals rückläufig

Düsseldorf: Wahlkampf-Kosten waren erstmals rückläufig

Die Zeit der Materialschlachten ist offenbar vorbei. Dafür kommen die fast schon vergessenen Hausbesuche zurück.

Von allen Parteien hat die SPD am meisten in den Bundestagswahlkampf investiert: 23 Millionen Euro. Trotzdem hat keine Partei ihren Werbeetat so stark gekürzt wie die SPD. 2009 ließen die Sozialdemokraten sich den Bundestagswahlkampf noch 29 Millionen Euro kosten. Die FDP kürzte um eine Million auf jetzt vier Millionen Euro, die CDU hielt ihren Wahlkampfetat mit 20 Millionen Euro stabil. Von den großen Parteien haben nur die Grünen ihren Etat aufgestockt – um 1,8 Millionen Euro auf 5,5 Millionen. Diese Zahlen teilten die Parteien gestern auf Anfrage mit.

"2013 ist die erste Bundestagswahl mit rückläufigen Wahlkampfkosten", sagt die Mannheimer Wahlkampfforscherin Mona Krewel, die auf Langzeit-Vergleiche spezialisiert ist. Ihre Beobachtung: "Bei den bisherigen Bundestagswahlen wurde der Arbeitseinsatz der Wahlhelfer immer kleiner und der Kapitaleinsatz immer größer. 2013 ist der Trend erstmals umgekehrt." Denn parallel zum schrumpfenden Werbebudget setzen die Parteien auch wieder mehr ehrenamtliche Helfer ein. So entdeckt die SPD die fast vergessene Klingelstrategie neu: Fünf Millionen Hausbesuche waren für diesen Wahlkampf geplant – durchgeführt von 14 000 Wahlhelfern und organisiert von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles persönlich. Das Kalkül: Keine Partei hat in den vergangenen Jahren so viele Stimmen ans Lager der Nichtwähler verloren wie die SPD. Die direkte Ansprache soll sie wieder zur Kümmerpartei machen. Die CDU schreibt persönliche Haushaltsbriefe in – zufällig – derselben Größenordnung. Die Grünen setzen ebenfalls auf Hausbesuche, nennen dazu aber keine Zahlen. "Fünf Millionen würde man ihnen nicht abnehmen, und den Vergleich mit der SPD scheuen sie", vermutet Krewel. Ihr Fachkollege Jens Walther vom Institut für Parteienforschung an der Universität Düsseldorf hat Ähnliches beobachtet: "Es gab über die Parteien hinweg mehr Wahlkampf-Stände in den Innenstädten, mehr Publikumsveranstaltungen."

Das Auffälligste am aktuellen Wahlkampf ist für beide Forscher die extreme Personalisierung. "Die CDU hat von Anfang an fast nur auf die Kanzlerin gesetzt, die SPD ist erst nach dem TV-Duell auf diese Strategie eingeschwenkt", sagt Walther. Was beide am meisten überrascht hat: die Steuererhöhungs-Offensive der Grünen. "Dahinter steckt die sogenannte Ehrlichkeits-Strategie", sagt Krewel. Motto: Es wird unangenehm, aber wir sagen es wenigstens. Für die Experten war die Offensive der Grünen deshalb überraschend, "weil die Ehrlichkeits-Strategie in Deutschland eindeutig nicht funktioniert", wie Krewel sagt. Damit seien schon viele gescheitert: Oskar Lafontaine ( damals SPD) zum Beispiel, als er 1990 die Kosten der Wiedervereinigung vorrechnete. Helmut Kohl (CDU) versprach "blühende Landschaften". Oder Angela Merkel 2005, als sie mitten im Wahlkampf für eine höhere Mehrwertsteuer warb.

Eine selbstironische Variante dieser Ehrlichkeits-Strategie präsentieren gerade die Piraten (Wahlkampf-Budget: 500 000 Euro). Ihr aktuelles Wahlplakat: "Wir hatten es uns auch einfacher vorgestellt."

(RP)
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