Wahl in Russland 2018: Wladimir Putin und die sieben Zwerge

Präsidentenwahl in Russland: Wladimir Putin und die sieben Zwerge

Das Ergebnis der russischen Präsidentenwahl am Sonntag steht zwar schon fest, aber ohne Gegenkandidaten sähe es nicht nach Demokratie aus. Also wird eine große Inszenierung aufgeführt, mit schillernden Figuren in den Nebenrollen.

Die Vorbereitungen für die große Siegesfeier im Zentrum von Moskau laufen schon. Am Sonntagabend will sich Wladimir Putin hier nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten bejubeln lassen. Dass er nach 18 Jahren an der Macht für eine weitere sechsjährige Amtszeit bestätigt wird, steht außer Frage. Die einzige Sorge, die den Kreml umtreibt, ist die Höhe der Wahlbeteiligung. Sie darf nicht zu niedrig ausfallen, damit der Glanz des programmierten Sieges auch hell genug strahlt. Deswegen werden die Russen nun schon seit Monaten mit einem Trommelfeuer auf den Wahltermin eingestimmt, der eigens auf den Jahrestag der Krim-Annexion gelegt wurde: TV-Kampagnen, Gewinnspiele, Festivals, Wahlbotschaften per SMS auf alle russischen Handys, Werbeaufdrucke auf Getränkedosen - alles, um das Volk an die Urnen zu locken.

Weil Putin selbst überhaupt keine Lust auf Wahlkampf hatte und - abgesehen von seinem Slogan "Ein starker Präsident, ein starkes Land" - auch auf ein Wahlprogramm verzichtete, wurde eine ganze Schar von Nebendarstellern aufgeboten, um für das nötige Spektakel zu sorgen. Statisten, die ihre Rolle genau kennen: Vielfalt zu demonstrieren und Wettbewerb zu simulieren. Die Umfragen sagen Putin knapp 70 Prozent der Stimmen voraus, den insgesamt sieben Zählkandidaten zwischen 0,2 und sieben Prozent.

Der einzige ernst zu nehmende Herausforderer Putins, der gerade unter jungen Wählern populäre Anti-Korruptionskämpfer Alexei Nawalny, hätte wohl selbst bei einer fairen Wahl keine Chance gehabt. Trotzdem machte er mit seinen frechen Angriffen auf den Amtsinhaber die Politstrategen im Kreml so nervös, dass sie Nawalny wegen einer unter fragwürdigen Bedingungen verhängten Vorstrafe wegen angeblicher Unterschlagung von der Wahl ausschlossen. Der 41-Jährige ruft jetzt zum Boykott der Wahl auf.

Sozusagen als Ersatzangebot für Nawalnys Wähler wurde dann im Sommer die einzige Frau im Bewerberfeld aus dem Hut gezaubert, die schillernde TV-Moderatorin Xenija Sobtschak (36). Sie darf mit ihrem Slogan "Gegen alle!" den jugendlichen Anti-Establishment-Protest verkörpern. Aber Sobtschak hat schon klargemacht, dass sie zwar antritt, aber gar nicht gewinnen will: "In diesem System kann niemand gewinnen außer Putin", erklärte sie.

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Sobtschak macht Scheinopposition

Das klingt zwar nach Kritik am System Putin, bleibt aber Scheinopposition. Immerhin ist die junge Dame die Tochter von Putins einstigem politischen Ziehvater Anatoli Sobtschak, des ersten demokratisch gewählten Bürgermeisters von St. Petersburg. Gut ein Prozent der Stimmen sagen ihr die Umfragen voraus - keine Gefahr also. Und so darf Sobtschak als liberaler Paradiesvogel in den vom Staat kontrollierten TV-Sendern auftreten und dort Ungeheuerlichkeiten sagen, zum Beispiel, dass die Annexion der Krim ein Völkerrechtsbruch war und dass sie die Rechte von Homosexuellen unterstützt. Man ließ sie sogar für Sanktionen gegen die russischen Eliten plädieren, sollte sich die Schuld Moskaus im Fall des Giftanschlags auf den Ex-Spion Sergej Skripal bestätigen.

So etwas käme dem kommunistischen Kandidaten Pawel Grudinin, der zwar Unternehmer und Multimillionär ist, aber als erklärter Stalin-Fan auftritt, nie über die Lippen. Er unterstützt Putins militärische Abenteuer aus vollem Herzen. Aber Grudinin erhielt vor allem auf dem Land unerwartet starken Zuspruch von Protestwählern, die zwar Putins Außenpolitik gutheißen, aber zutiefst unzufrieden mit der sozialen Lage sind. Doch kaum kletterte Grudinin in den Umfragen in die Nähe zweistelliger Werte, berichtete auf einmal das Staatsfernsehen in großen Enthüllungssendungen über Schweizer Nummernkonten, auf denen der Kandidat Millionen US-Dollar gebunkert habe. Der 57-Jährige verstand den Wink und stellte seinen Wahlkampf praktisch ein, sein Höhenflug war beendet.

Knapp hinter Grudinin, der in den Prognosen nur noch bei knapp sieben Prozent dümpelt, folgt schon der schrille Ultranationalist Wladimir Schirinowski, der einst vorschlug, Deutschland und Russland sollten Europa unter sich aufteilen. Putin kritisiert der 71-Jährige nur, weil er ihm zu lasch ist und zum Beispiel nicht gleich die ganze Ukraine erobert hat. Für Schirinowski sieht das russische Wahl-Skript die Rolle einer Putin-Alternative zum Gruseln vor. Auch das muss es geben.

(RP)
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