Visionär und Feindbild

Visionär und Feindbild

Eine der bedeutendsten deutschen Unternehmer-Persönlichkeiten wurde morgen vor 100 Jahren in Altona geboren. Pressezar Springer, verhasst und verehrt, erfand unter anderem "Hörzu" und "Bild".

Düsseldorf Axel Cäsar Springer, der morgen hundert Jahre alt geworden wäre, war ein Faszinosum, ein Mensch in seinem Widerspruch, eine der großen deutschen Unternehmerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit. Springer war zugleich Dandy und Zeitungserfinder, Lebemann und Melancholiker, Verleger mit femininem Einfühlungsvermögen, Versöhner und Spalter, Luxusliebhaber und Gottsucher, Moralist und fünfmal verheirateter Schwerenöter von sagenhaftem Charme. Von Letzterem berichteten zuerst die Damen, die er, wie es "Seiner Lordschaft" beliebte, umwarb, eroberte und wieder im Stich ließ. Aber auch die journalistischen Talente, denen der am heftigsten in sich selbst verliebte Pressezar Aufmerksamkeit, Zuneigung, viel Geld zukommen ließ, nahm Springer für sich ein – eine Zeit lang, denn im Privaten wie im Geschäftlichen galt: Niemand wusste, wie lange er in der Gunst des scheinbaren Götterlieblings stand.

"Dem Kind reicher Eltern" (Selbstbeschreibung) aus mittelständischer Altonaer Verlegerfamilie schien in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende zu Gold zu werden, was immer er mit Gespür für den jeweiligen Massengeschmack anfasste. Springer setzte beispielsweise die "Hörzu" in die Welt, das "Hamburger Abendblatt", er kaufte "Welt" und "Welt am Sonntag", andere Verlage. Schließlich erfand er 1952 "Bild" – einen Kracher mit Millionenauflage, Springers Antwort aufs Fernsehen. "Bild" wuchs zu Europas größtem Blatt – mit lauter, oft frecher Stimme und dicken Muskeln, nichts für Feingeister. Der Ästhet Springer, der seine Kleidung in London anfertigen ließ und davon überzeugt war, dass nur in edlem Wohnambiente große Gedanken wüchsen, litt nach eigenem Bekunden hin und wieder "wie ein Hund" unter den fetten Schlagzeilen seines "Dukatenesels".

"Bild" und die anderen Blätter in Springers Zeitungsimperium dienten dem Verleger mit missionarischem Drang als Mittel zu großen Zwecken, wie er es sah: Wer als Journalist bei Springer unterschrieb, gab eine Vierfach-Selbstverpflichtung ab: für die Wiedervereinigung des geteilten Landes, für die soziale Marktwirtschaft, gegen Extremismus und für die Aussöhnung mit dem Staat der Juden.

Bei aller Vielschichtigkeit des genialischen Verlegers stach eine Eigenschaft – seine Gegner nannten es Torheit – hervor: das politisch Visionäre. Springer bekämpfte den Kommunismus, die DDR, die in seinen Zeitungen in Anführungszeichen gesetzt wurde. Springer ließ Mitte der 60er Jahre im geteilten Berlin nahe der Sektorengrenze sein Verlagshochhaus errichten, gedacht als Leuchtturm des Freiheitswillens der Deutschen dies- und jenseits der Mauer. Ost-Berlin und die Stasi schnaubten vor Zorn, sie hassten den steinreichen Freiheitsfreund und Wiedervereinigungs-Träumer. Die westdeutsche studentische Linke schlug sich ab 1967 gewollt-ungewollt auf Moskaus und Ost-Berlins Seite und brüllte "Enteignet Springer". Terroristen der Rote-Armee-Fraktion (RAF) attackierten mit Bomben ein Verlagsgebäude in Hamburg. Dem hoch gewachsenen, feingliedrigen Preußen mit der glühenden Liebe zu Israel, Jerusalem und vor allem zu einem geeinten Deutschland in Freiheit schlugen zu Hause Verehrung und Hass entgegen, wie das nur noch der etwa gleichaltrigen bayerischen Urgewalt Franz Josef Strauß (CSU) widerfahren war.

Wenn Neid eine besondere Form von Anerkennung ist, hätte es sich Springer in seinen exquisiten Besitztümern in Schleswig-Holstein, am Wannsee, auf Sylt, auf Patmos gut gehen lassen können. Aber der Narziss war nach den Worten seiner Witwe Friede eher von weicher Natur: aufbrausend und betend, herrsch- und gefallsüchtig. Er, der über einen schönen Bariton gebot und gerne Opernsänger geworden wäre, wollte zeitlebens geliebt werden. Eine Bühnennatur.

Dass ihm Menschen die Pest an den Hals wünschten, das mochte er nicht begreifen. In seinen letzten Lebensjahren, insbesondere nach dem Freitod seiner Sohnes Sven Simon, kapselte sich Springer mehr und mehr ab. Sinnsuche und Schübe von Schwermut wechselten sich ab mit glanzvollen Auftritten auf den Parketts dieser Welt. Dabei wusste der seelisch, zunehmend auch körperliche Leidende mit dem angeboren Darsteller-Geschick zu verbergen, wie es bei ihm drinnen aussah.

Axel Springer war seinen drei Kindern kein Kuschel-Daddy. Er hielt sie auf Distanz. Seine fünfte, um dreißig Jahre jüngere Ehefrau Friede hatte sich Kinder gewünscht, er nicht. Er wollte, dass Friede ihm allein gehörte. Sie, die einst als Kindermädchen und engelgleiche Schönheit ins Haus kam, fügte sich und bewunderte ihn über den Tod hinaus. Einer der Enkel sagte neulich im "Spiegel", niemand habe zum Großvater je ein Verhältnis auf Augenhöhe gehabt. Springer für gefühlskalt zu halten, wäre falsch. Dass sich sein Ältester 1980 in den Kopf schoss, traf Springer ins Mark. Claus Jacobi, einer der großen Springer-Journalisten, sagte: "Mit dem Tod des Sohnes begann das Sterben des Vaters." Der Tod kam 1985, mit 73.

In der Rückschau auf das Leben eines in seinen politischen Möglichkeiten womöglich überschätzten (Tilman Jens) Mannes dominiert das Tragische. Ausgerechnet er, der verspottete Träumer der Wiedervereinigung, durfte diese nicht mehr erleben. Der tief religiöse Lutheraner hätte mit seinem Faible zum hohen Ton wohl von "Gottes unergründlichen Ratschlüssen" gesprochen.

(RP)