Analyse: Verlangsamt sich die Erderwärmung?

Analyse: Verlangsamt sich die Erderwärmung?

In Kürze veröffentlicht der Weltklima-Rat seinen Report zum Stand des Klimawandels. Vorab durchgesickerte Daten erwecken den Eindruck, der Einfluss des Menschen auf die Temperatur könnte kleiner sein als bislang angenommen.

Eine einzelne Hitzewelle lässt sich zwar kaum mit dem Klimawandel in Verbindung bringen — sie lenkt aber den Blick wieder auf das Thema. Im kalten Februar entging hingegen selbst vielen aufmerksamen Beobachtern die Meldung, dass im vergangenen Jahr der Treibhausgas-Ausstoß in Deutschland um 1,6 Prozent gestiegen ist. Für besonders hitzige Klima-Debatten sorgt in diesen Tagen das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist". Ihm ist offensichtlich ein Arbeitspapier des Weltklimarats zugespielt worden, das eine zentrale These ins Wanken zu bringen scheint.

Inhaltlich geht es um die Klimawirksamkeit des vor allem bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas entstehenden Kohlendioxids (CO2). Die allermeisten Klimawissenschaftler sind sich einig, dass eine CO2-Konzentration von 450 ppm (450 Teile auf eine Million) in der Atmosphäre zu einer Erwärmung um zwei Grad führen wird. Dieser Wert gilt als gerade noch verkraftbar. Aktuell liegt die CO2-Konzentration bei fast 400 ppm. Der "Economist" veröffentlichte nun eine Tabelle, die in einem Arbeitskreis des Weltklima-Rats entwickelt worden ist. Sie sagt für den 450 ppm-Wert nur eine Erwärmung von 1,3 bis 1,7 Grad voraus. Die kritischen zwei Grad würden diesem Papier zufolge erst bei 535 ppm Kohlendioxid erreicht. Die Botschaft des Wirtschaftsmagazins ist mithin: Das Verbrennen von Kohle und Öl ist womöglich gar nicht so schädlich wie angenommen.

Der Weltklimarat warnt vor irreführenden Schlüssen aus diesem "unfertigen und nachrangigen Entwurf" einer Arbeitsgruppe, die sich auftragsgemäß mit Einflüssen befasse, die den Klimawandel abschwächen (zum Beispiel unter bestimmten Umständen Wolken), nicht aber mit dem Thema Klimawirksamkeit von Gasen.

Sven Harmeling, bei der unabhängigen Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch für die Klimapolitik zuständig, kennt die vollständige Tabelle, die der "Economist" verwendet hat. Er kritisiert, das Magazin habe die Werte für das Jahr 2100 weggelassen — diese zeigten deutlich, dass es überhaupt keinen Grund zur Entwarnung gebe. Die Aussage der veröffentlichten Tabellenwerte verglich er mit der Erkenntnis eines Menschen in einem brennenden Haus, der erfährt, dass die über ihm liegende Etage erst in 30 und nicht schon in 28 Sekunden in Flammen stehen wird.

So umstritten die Vermutungen über eine geringere Schädlichkeit von CO2 auch sein mögen — eine auffällige Entwicklung beim Temperaturanstieg gibt ihnen scheinbar Nahrung: Während der CO2-Gehalt in der Atmosphäre seit Jahrzehnten trotz aller Klimaschutzbemühungen ungebremst ansteigt, legt die Erwärmung seit der Jahrtausendwende offenbar eine Pause ein. Die Werte für die einzelnen Jahre schwanken zwar — aber der Durchschnittswert der vergangenen 15 Jahre hat praktisch nicht zugelegt.

Das ändert freilich nichts daran, dass die "Nuller" Jahre dieses Jahrhunderts das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1850 waren: Der Sockel, auf den nur einige Hundertstel-Grad hinzukamen, war eben sehr hoch. Carsten Smid, Klima-Experte bei Greenpeace, verweist darauf, dass 1998 durch den El-Niño-Effekt und die starke Erwärmung großer Meeresflächen ein Rekordjahr war.

Dass die Erderwärmung eine Pause zu machen scheint, erschüttert nach Ansicht der Fachleute ihre Prognosen vorerst nicht. Der Meteorologe Hans von Storch, Chef des Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum in Geesthacht, sagte in einem Interview: "Wenn das so weitergehen sollte, müssten wir uns spätestens in fünf Jahren eingestehen, dass mit den Klimamodellen etwas fundamental nicht stimmt." Carsten Smid betont, dass sich die Prognosen auf die langfristige Entwicklung beziehen; um einen Klimatrend zu beurteilen, brauche es Zeiträume von etwa 30 Jahren. Wer das nicht beachte, ziehe aus der vermeintlichen Pause schnell falsche Schlüsse. Harmeling sagt: "Es gibt keinen Trend, dass es nicht mehr wärmer wird." Der in den letzten Jahren gemessene Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur sei zwar gering, aber der Trend zeige weiter nach oben. Natürliche und vom Menschen verursachte Treibhaus-Effekte vermischten sich ständig. Und es gebe nun einmal Phasen, in denen die Stärke der natürlichen Effekte schwanke — etwa die Sonnenstrahlung, die in den Nuller-Jahren etwas geringer gewesen sei. Zudem hätten die Ozeane mehr Wärme aufgenommen als in früheren Jahren.

Während der Meteorologe von Storch glaubt, dass uns noch "genügend Zeit" zur Vorbereitung auf die Folgen des Klimawandels bleibt, dringen die Umweltschützer auf unverzügliches Handeln. Das Abschmelzen der Gletscher und des arktischen Eises seien in vollem Gange, warnt Greenpeace-Experte Smid. Der Zusammenhang zwischen der Zunahme extremer Hitzewellen oder Jahrhunderthochwasser und dem Klimawandel sei nicht mehr zu bestreiten. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts kamen nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie bei Wetterkatastrophen 370 000 Menschen ums Leben — ein Fünftel mehr als in den 90er Jahren.

Smid (54), seit Jahrzehnten professioneller Beobachter des Themas, sieht die internationale Klimapolitik zwar in einer Sackgasse, registriert aber Bewegung ausgerechnet bei den weltgrößten Klimasündern: Von China, dem mit weitem Abstand größten Treibhausgas-Produzenten, erwartet er wichtige Impulse — zum Beispiel sei die Volksrepublik bereits die Nummer eins auf dem Photovoltaik-Markt. In den USA bewirke offenbar die dichte Folge verheerender Hitzwellen ein Umdenken — selbst der Exxon-Chef habe die Existenz des Klimawandels anerkannt und Präsident Obama wolle den nationalen CO2-Ausstoß reduzieren.

(RP)
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