Unterwegs im Tal der Taliban

Unterwegs im Tal der Taliban

Seit der Großoffensive der Armee vor zwei Jahren ist das Swat-Tal im Norden Pakistans frei von radikalen Islamisten – auf dem Papier. Tatsächlich aber ist der verlustreiche Kampf gegen die Taliban noch lange nicht entschieden. Entwicklungsminister Dirk Niebel besuchte jetzt die Unruhe-Region.

Shinpatai Kleine nackte Mädchenfüße neben dicken staubigen Soldatenstiefeln – eine Augenblickswahrnehmung am Rande der neuen Schule des Dörfchens Shinpatai mitten im Swat-Tal, der berüchtigtsten Hochburg der radikalislamischen Taliban in Pakistan, unweit der afghanischen Grenze. Entwicklungsminister Dirk Niebel bemerkt die kleine Szene nicht, als er die neue Grundschule besucht. Und doch steht sie für das Gegenteil von Taliban: Mädchen können wieder zur Schule gehen, in eine eigene sogar, weil das Militär die Taliban vertrieben hat und sich mit massiver Präsenz gegen einen neuen Verlust der Provinz an den Terror stemmt. Wenige Meter entfernt zeigen Hunderte von Einschusslöchern im Mauerwerk, dass auch hier erbittert gekämpft wurde.

Vor dem Abtritt der Militärregierung 2008 war das Grenzgebiet zum Rückzugsraum der aus Afghanistan geflüchteten Taliban geworden. Vor allem im Swat-Tal ließen sie sich nieder – und hatten bald die Kontrolle übernommen. Als sie auf die Hauptstadt Islamabad vorrückten, entschied sich die neue Zivilregierung zum großen Schlag. "Der rechte Weg" hieß im Frühsommer 2009 die größte Militäroperation gegen die Taliban.

Die Offensive hat nach der Darstellung von General Jawed Iqbal zu einem phänomenalen Ziel geführt: zu einem talibanfreien Swat-Tal. Auf dem Großbildschirm der Operationszentrale in Khwazakhela lässt der Kommandeur der 19. Division vor dem deutschen Minister die Grafiken lebendig werden. Vor dem Großfeldzug gegen die Terroristen hätten sie ein Viertel der Bevölkerung ausgemacht, ein weiteres Viertel habe sie aktiv, das dritte Viertel passiv unterstützt. Nun ist auf dem Bildschirm fast alles im grünen Bereich. Nur ein Achtel der Bevölkerung gehöre noch zu den passiven Unterstützern.

Alles friedlich also in der Region? Das Auftreten der Armee auf den Straßen vermittelt ein anderes Bild. Wo immer sich die deutsche Delegation durchs Swat-Tal bewegt, sind die Straßen abgeriegelt, fahren MG-Schützen auf offenen Kleinlastern mit, stehen Soldaten mit Kalaschnikows an Kreuzungen, auf Wegen und in Zwiebelfeldern. Niebels Personenschützer vom Bundeskriminalamt weichen dem Minister nicht von der Seite. Der mitreisende FDP-Abgeordnete Johannes Vogel hat eine Splitterschutzweste angelegt, der Minister begnügt sich mit seiner Fallschirmjägerkappe. Aber auch für ihn liegt eine schusssichere Weste stets griffbereit.

  • Fotos : Malala Yousafzai zurück im Swat-Tal

Denn jeder weiß, dass das Tal nur auf dem Papier wirklich talibanfrei ist. Gerade in der letzten Woche haben Hunderte bewaffnete Terroristen ein Dorf bei Makeen ganz in der Nachbarschaft in Südwasiristan überfallen. Von Dutzenden Toten ist die Rede. Am Wochenende starben dann mindestens 25 Aufständische bei einer Offensive der Streitkräfte gegen die Taliban. Die pakistanische Armee hat Monat für Monat zwischen 60 und 80 Gefallenen zu betrauern. Der Kampf ist noch lange nicht entschieden. Selbst die eigenen Regierungstruppen bekommen in den Stammesgebieten im Westen des Landes schwer ein Bein auf die Erde. Für die Bewohner dort sind Pakistani Fremde – und Taliban Freunde.

Pakistan ist ein Land am Abgrund. Was macht hier der deutsche Entwicklungsminister? Er zieht in Naway Kalay im Swat-Tal an einer Kordel: "Drei, zwei, eins – go", sagt er – und damit eröffnet er einen mit deutschem Geld gebauten Bewässerungskanal. Kaum waren die Taliban besiegt, brach über das Swat-Tal vergangenen Sommer eine verheerende Flutkatastrophe ein, zerstörte Häuser, Brücken, Straßen, Hospitäler, Schulen und Ackerland. Der Wiederaufbau läuft auf vollen Touren. Das 30 000-Euro-Projekt des deutschen Entwicklungsministeriums gehört dazu. Mit dem Geld hat der technische Berater Klaus Lohmann aus Halle in Westfalen nicht nur das Baumaterial finanzieren können, sondern auch heimischen Arbeitern über Wochen Arbeit gegeben.

Der Kanal leitet Wasser auf neu gewonnene Reisfelder, bringt Nahrung, Arbeit, Einkommen. "Gut angelegtes Geld", sagt Niebel. Es komme darauf an, den Menschen jeden Tag zu zeigen, dass es sich für sie lohnt. Und zwar ohne Taliban. Gerade will Niebel das vor deutschen Kameras näher erläutern. Aber er erblickt eine Gruppe Dorfältester, die sich für das Wasser-Werk der deutschen Steuerzahler bedanken wollen. Da müssen die Medien warten. "Das geht vor", sagt Niebel und schüttelt den Pakistani mit den langen Bärten intensiv die Hände.

Die Begleiter drängen zur Eile. Eine Gewitterfront zieht auf. Bald wird der Hubschrauber nicht mehr fliegen können. Man müsste dann im Swat-Tal übernachten. Aber das will niemand.

(RP)
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