Unterwegs im Kretschmann-Land

Unterwegs im Kretschmann-Land

Der künftige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, lebt in dem 3000-Seelen-Dorf Laiz im Oberschwäbischen. Ein Besuch zeigt viel über den Grünen-Politiker, der dort im Kirchenchor singt, Mitglied im Wanderverein ist und 1997 sogar Schützenkönig wurde.

Sigmaringen-Laiz Wer derzeit Beiträge über den baden-württembergischen Politiker Winfried Kretschmann (62) liest, der stolpert über Begriffe wie "Bodenständigkeit" oder "Heimatverbundenheit". Um also zu verstehen, wer Deutschlands erster grüner Ministerpräsident werden könnte, für den lohnt ein Besuch in einem Ort im Oberschwäbischen: Laiz, ein 3000-Seelen-Dorf.

Ortsvorsteher Werner Kirschbaum, ein kleiner bärtiger Mann, der sich aufgrund des schlechten Wetters die Mütze tief ins Gesicht zieht, schreitet einen Hügel am Rande von Laiz hinauf. "Von hier oben haben Sie die schönste Aussicht über das Dorf", sagt er. Zu Füßen der Anhöhe bietet sich der Blick auf ein verschlafenes Nest am Ufer der Donau, das nicht hässlich, aber auch nicht sonderlich hübsch ist, bei dem zwischen schmucklosen Häusern hier und da ein schönes Fachwerkhaus heraussticht. Weniger als eine Minute benötigt der Autofahrer, um vom Ortseingang zum Ortsausgang zu gelangen, vorbei an der Kirche St. Peter und Paul, am Angelshop Herzog, dem Haarstudio Haargenau, einem Schlecker-Drogeriemarkt – und dabei muss jeden das Gefühl beschleichen, alles vom Ort gesehen und nichts verpasst zu haben. Nein, Touristen verirrten sich wenn überhaupt nur vereinzelt in die Gegend, sagt Kirschbaum.

Kretschmann kam vor rund 30 Jahren hierher, geboren wurde er in Spaichingen auf der Schwäbischen Alb. In einem liberalen, religiösen Elternhaus wurde der Grundstein für seinen unerschütterlichen katholischen Glauben gelegt. 1968 machte der Sohn eines Lehrers und einer Hausfrau Abitur in Sigmaringen, ging zur Bundeswehr, studierte Biologie und Chemie in Hohenheim und wurde Gymnasiallehrer.

Das ehemalige Gasthaus Lamm zählt zu den gepflegtesten Häusern in Laiz, mit einem sauberen Anstrich und blühenden Osterglocken im Vorgarten. Es ist das Elternhaus der Großeltern von Gerlinde Kretschmann, geborene Kienle. Die kleine Frau mit den lockigen dunklen Haaren und einer auffälligen weißen Brille wirkt trotz des medialen Rummels, der über sie, ihre Familie und das Dorf hereingebrochen ist, heiter und freundlich.

"Ja, es sind sehr aufregende Zeiten", sagt sie, wirkt dabei jedoch nicht ermattet. "Aber es war eine tolle Zeit. Viele unserer Wünsche sind in Erfüllung gegangen." Am Vorabend sei ihr Mann heim zur Familie gekommen. Müde sei er gewesen – natürlich. "Es war eben auch eine sehr lange und anstrengende Zeit, die ja nicht erst mit dem Wahlkampf losging, sondern schon im Sommer mit der Diskussion um Stuttgart 21." Die Reaktionen im Dorf auf den Wahlsieg seien positiv. Auf die Frage nach der Rolle der First Lady oder Landesmutter winkt Gerlinde Kretschmann lachend ab: "Ich fühle mich zuallererst als Mutter meiner Kinder und nicht als Mutter eines ganzen Landes. Ich bin auch keine Dame, sondern einfach die Frau des Ministerpräsidenten – oder besser noch: einfach Frau Kretschmann. Aber ich freue mich auf die neue Aufgabe." Gefeiert haben sie "ganz gediegen" mit einem Glas von dem Whisky, den Tochter Irene (35) aus Schottland mitgebracht hat, wo sie als Lehrerin arbeitet.

Nur wenige hundert Meter vom Gasthaus Lamm entfernt führt ein schmaler, bewaldeter und extrem steiler Weg zu einem kleinen Fachwerkhaus hoch, das nicht verbergen kann, dass es in den 80ern mit viel Handarbeit und wild zusammengewürfelten Sachspenden erbaut wurde. Stolz führt Ralf Kruse durch die Räume des Laizer Schützenvereins 1913. Im Schießraum macht der Oberschützenmeister vor einer Fotocollage halt. Kruse deutet auf ein verwaschenes Bild, darauf ein jüngerer Kretschmann im roten Pullover mit einer Königskette. "Das war 1997. Da hat der Winfried Kretschmann gerade den Vogel heruntergeholt", sagt Kruse. Kretschmann war schon Schütze, bevor er Gründungsmitglied der Grünen wurde. In Laiz hilft es, wenn man sich in einem der 22 Vereine engagiert. Inzwischen lasse sich Schützenbruder Kretschmann nur noch selten bei den Vereinsveranstaltungen sehen, sagt Kruse mit einem Hauch von Enttäuschung in der Stimme. "Ich bin mir sicher, dass von uns aus dem Verein keiner wegen Winfried grün gewählt hat", sagt er – auch wenn er hinzufügt, dass er natürlich stolz sei, dass einer aus den eigenen Schützenreihen nun Ministerpräsident von Baden-Württemberg werde.

Das ist nur eine Episode, die zeigt: Wer versucht, in Laiz einen Eindruck des künftigen Ministerpräsidenten zu bekommen, wird feststellen: Es gibt zwei Winfried Kretschmanns. Da ist auf der einen Seite der Mitbürger. 3000 Seelen, da kennt jeder jeden. Da ist der Winfried Kretschmann einer, der am Sonntag die Lesung in der Kirche St. Peter und Paul liest. So kennt ihn der 69-jährige Hans-Jürgen Franzkowirk. Er steht im Blaumann vor seiner Garage. Mit aufrichtiger Herzlichkeit spricht er über den Winfried – legt wert darauf, dass die beiden sich schon seit 20 Jahren kennen. "Wir sind zusammen im Albverein gewandert. Wenn wir dann im Wald unterwegs waren und an einer Pflanze vorbeikamen, die keiner kannte, da musste man nur sagen: ,Kretschmann, welche Blume ist denn das?' Er hat es immer gewusst." Befreundet seien sie, sagt Franzkowirk – und da blitzt Stolz in seinen Augen auf.

Das Problem ist der zweite Winfried Kretschmann, der Grüne, der gegen den Bau von Stuttgart 21 ist, der die Kernenergie ablehnt und der aufgrund seiner Parteimitgliedschaft sowieso vielen verdächtig ist. Dieser Kretschmann ist ein Exot in einem Landstrich, in dem die Merkel-Vertraute und ehemalige Verkehrsministerin von Baden-Württemberg, Tanja Gönner (CDU), stolze 50,2 Prozent einfahren konnte. Kretschmanns Nachbar Hermann Kerschl (71) bringt es auf eine schlichte, bösartige Formel: "Bislang hat er nur große Töne gespuckt, ohne dass da viel dahinter war. Jetzt wird er aber vom Jäger zum Gejagten."

Nährboden für diese Vorbehalte legte Kretschmann in seiner Studentenzeit, als er Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands wurde, den er allerdings 1975 wieder verließ. Heute bezeichnet Kretschmann die Mitgliedschaft als "fundamentalen politischen Irrtum". Man kann es ihm glauben. Schließlich ist aus dem 62-Jährigen– zum Frust von so manchem Parteifreund – kein linker Ideologe geworden. Als Gründungsmitglied der baden-württembergischen Grünen gehörte "Kretsch" 1979 schnell zum konservativen Flügel, den Realos. Mit dem linken Parteiflügel, den Fundis, geriet er oft aneinander, stand mehrfach sogar vorm Bruch mit der Partei. Zweimal zog er sich für mehrere Jahre aus der Politik zurück.

Pfarrer Christoph Neubrand, ein runder, freundlich lachender Geistlicher, sitzt im alten Pfarrhaus gegenüber der Kirche St. Peter und Paul. Als regelmäßigen Kirchgänger beschreibt er Kretschmann. "Und damit meine ich nicht, dass er nur regelmäßig zur Weihnachtsmesse erscheint." Als Neubrand die Pfarrei übernahm, hat er erst einmal die Akten seiner Vorgänger durchgesehen. Dort tauchte Winfried Kretschmann als Pfarrgemeinderatsmitglied auf – saß in Sitzungen, bei denen über den Preis der Bratwurst beim Pfarrfest diskutiert wurde.

Am Wahltag waren die Kretschmanns morgens vor der Stimmabgabe in der Kirche. Neubrand ist überzeugt, da war nicht der Wahlkämpfer Kretschmann, der auf den letzten Metern noch ein paar Stimmen fangen wollte. Da saß einfach nur der Herr Kretschmann. Auch wenn Gerlinde Kretschmann bislang immer noch abwiegelt, wenn es um einen möglichen Umzug nach Stuttgart geht, ist der Pfarrer sicher, dass dieser Schritt für die Familie unausweichlich ist. "Jeder Mensch, der geht, ist ein Verlust", sagt er und ein wenig Bedauern schwingt in der Stimme mit.

In Stuttgart erwarten Kretschmann keine einfachen Zeiten. Da wäre zum einen die Baustelle EnBW. Das Land kaufte vor einem halben Jahr großzügig Aktien des ehemaligen Staatskonzerns. Die Hoffnung auf fette Dividenden erwies sich als trügerisch: Denn wegen der japanischen Atomkatastrophe musste EnBW zwei seiner Atommeiler vom Netz nehmen. Durch die niedriger ausfallenden Ausschüttungen drohen dem Land Belastungen von bis zu 1,5 Milliarden Euro. Und es bleibt der Ärger um das Thema Stuttgart 21, das den Grünen lange Zeit Sympathiepunkte brachte. Nun ist es an der grün-roten Landesregierung, eine Lösung im festgefahrenen Streit zu finden. Die Bahn hat zumindest bis zur Regierungsbildung einen Baustopp verhängt.

(RP)
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