Budapest: Ungarns Justiz lässt NS-Verbrecher unbehelligt

Budapest: Ungarns Justiz lässt NS-Verbrecher unbehelligt

In seiner Heimat Ungarn wird der von Journalisten der britischen " Sun" aufgespürte mutmaßliche NS-Verbrecher László Csatáry (97) höchstwahrscheinlich nicht angeklagt werden. Nicht so sehr sein biblisches Alter schützt ihn vermutlich vor einem Prozess, sondern vor allem die ungarische Justiz – beziehungsweise die nationalkonservative Regierung von Premierminister Viktor Orban.

Von der Staatsanwaltschaft in Budapest waren bislang nur Ausflüchte zu hören: Ermittlungen seien schwierig, weil der Tatort heute in einem anderen Land liege, hieß es. Die Ermittlungen seien "sehr schwierig", weil es um Vorgänge gehe, die mehr als ein halbes Jahrhundert zurücklägen. Man ermittle vorerst nur "gegen Unbekannt".

Das Simon-Wiesenthal-Center (SWC) in Jerusalem hatte den Greis ganz oben auf seiner Fahndungsliste. Csatáry wird beschuldigt, 1944 als Polizeichef von Kassa – das ist der ungarische Name für die heutige ostslowakische Metropole Kosice, die damals ungarisch besetzt war – für die Deportation 15 700 ungarischer Juden ins Vernichtungslager Auschwitz und den Abtransport weiterer 300 Juden in ein Lager in der Ukraine verantwortlich zu sein. 1948 in Abwesenheit zum Tode verurteilt, flüchtete Csatáry nach Kanada, wo er bis zu seiner Ausweisung 1997 lebte. Offenbar konnte Csatáry nach seiner Rückkehr nach Ungarn dort ungehindert untertauchen.

SWC-Direktor Efraim Zuroff berichtete, er habe der ungarischen Justiz bereits 2006 Hinweise übermittelt, dass sich Csatáry in Budapest befinde; seit zwei Jahren sei den Behörden auch seine Adresse bekannt gewesen. Und dennoch habe die Justiz nichts unternommen: "Sie haben einfach gehofft, dass er verschwinden würde", vermutet Zuroff.

Ungarische Behörden haben unter dem Regime des Diktators Miklós Horthy 437 000 Juden nach Auschwitz deportieren oder ermorden lassen. Weder unter der kommunistischen Diktatur noch nach der Wende 1989 hat Ungarn seine historische Mitverantwortung aufgearbeitet. Stattdessen wird heutzutage ein regelrechter Horthy-Kult betrieben.

Premier Orban äußert sich zu dem Thema nur selten, und wenn, dann geschichtsverzerrend: Nach seiner Ansicht sind für den Holocaust allein die Nazis verantwortlich. "Die neue Verfassung vermittelt ein Geschichtsbild, das Ungarn implizit von jeder Verantwortung freispricht", schreibt der Historiker Ferenc Laszó in einem Beitrag für die Zeitschrift "Osteuropa".

In diesem politischen Klima ist ein Prozess gegen einen mutmaßlichen Nazi-Verbrecher, der eine Debatte über die Schuldfrage auslösen würde, kaum denkbar. Zumal Orban um die Wähler der mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden, neofaschistischen Jobbik-Partei wirbt, die ihm als Opposition und soziale Protestbewegung große Schwierigkeiten bereitet.

(RP)
Mehr von RP ONLINE