Ukraine-Krise: Das brutale Treiben der prorussischen Rebellen

Kiew: Das brutale Treiben der prorussischen Rebellen

Die Lage in der Ost-Ukraine ist unkontrollierbar. Angesichts der immer aggressiveren Stimmung verhallen alle Appelle an die Vernunft.

Ihre Hände sind gefesselt, ihre nackten Beine mit blauen Flecken übersät, die blutigen Gesichter mit Klebeband verdeckt. Mit den drei Männern, die die ost-ukrainischen Separatisten gestern im russischen Fernsehen als neue Geiseln präsentierten, ist man offenbar härter umgesprungen als mit den acht gefangenen Beobachtern der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Nach Angaben der prorussischen Milizen in Slawjansk handelt es sich bei diesen Geiseln um Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Sie hätten in der Ortschaft Gorlowka einen der Wortführer der separatistischen Kämpfer festnehmen wollen und seien dabei selbst in Gefangenschaft geraten. Der russische Fernsehsender "Rossija 24" zeigte Bilder von Dienstausweisen, die die Männer als Mitarbeiter des SBU identifizieren sollen.

Einer der Gefangenen sagt vor laufender Kamera, er sei Mitglied der Anti-Terror-Einheit "Alpha". Die Geheimdienstzentrale in Kiew bestätigte, dass drei Mitarbeiter bei einem Einsatz im Osten des Landes in die Gewalt der Separatisten geraten seien. Von den Aufständischen hieß es, die drei Männer erhielten wie die OSZE-Beobachter den Status von "Kriegsgefangenen". Man wolle sie in Verhandlungen mit der Zentralmacht in Kiew gegen gefangene Separatisten austauschen.

Der Vorfall zeigt, dass niemand mehr Herr der Lage in der Ost-Ukraine ist. Am Freitag waren in der Stadt Slawjansk, die vollständig von Separatisten kontrolliert wird, acht OSZE-Beobachter als Geiseln genommen worden. Zur Gruppe gehören drei Bundeswehroffiziere und ein deutscher Dolmetscher. Zudem halten die Milizen je einen militärischen Beobachter aus Tschechien, Dänemark und Polen fest. Ein Schwede wurde freigelassen, ebenso nach Angaben der Separatisten der Fahrer der Gruppe.

Der deutsche Leiter der Inspektorengruppe, Oberst Axel Schneider, sagte, die Männer seien bei guter Gesundheit. Er sei nicht angerührt worden, und es habe keine körperlichen Misshandlungen gegeben. OSZE-Generalsekretär Lamberto Zannier erwägt eine Reise nach Kiew, um eine Freilassung der Beobachter zu erreichen.

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Unterdessen stürmten die Separatisten in Donezk den örtlichen Fernsehsender. Sie hissten auch dort die Fahne der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk". Man werde jetzt dafür sorgen, dass die Berichterstattung im Fernsehen "wahrheitsgemäß" erfolge, sagte ein Sprecher der Aufständischen. Dafür werde man ein eigenes Fernsehprogramm senden. Außerdem wurde die Ausstrahlung aller ukrainischsprachigen Sender gestoppt. Ab sofort werden nur noch russische Kanäle verbreitet. Das staatliche russische Fernsehen wird vom Kreml als Propagandamaschine im Konflikt um die Ukraine eingesetzt.

Angesichts der immer aggressiveren Stimmung verhallen alle Appelle an die Vernunft. Das musste der Kreml-Gegner und frühere Öl-Milliardär Michail Chodorkowski in Donezk erfahren. Bei seinem Versuch, zu den Separatistenführern in der besetzten Donezker Gebietsverwaltung vorgelassen zu werden, scheiterte Chodorkowski schon an den Wachen bei den Barrikaden vor dem Gebäude. "Wir kennen dich aus dem Fernsehen. Worüber sollen wir mit dir reden? Du hast dein Vaterland verraten!", brüllten wütende Männer dem früheren Eigentümer des Konzerns Yukos ins Gesicht. Als Chodorkowski ruhig entgegnete, er wolle sich nur ein Bild von der Lage machen, empfahl man ihm, das Gelände so schnell wie möglich zu verlassen und sich sein Bild lieber aus der "Berichterstattung in russischen Medien" zu machen.

In Slawjansk und den umliegenden Ortschaften versuchen einige von der Zentralmacht in Kiew entsandte Einheiten der ukrainischen Armee, die Separatisten zurückzudrängen. Die zunächst groß angekündigte "Anti-Terror-Aktion" wurde aber aufgrund der massiven Präsenz russischer Truppen in der Nähe der ukrainischen Grenze zurückgefahren. Wie der ukrainische Militärbeobachter Dmitry Tymchuk schreibt, gelang es ukrainischen Spezialeinheiten, einen Kontrollpunkt der Separatisten bei Slawjansk aufzuheben - ein vergleichsweise bescheidener Erfolg.

Der ukrainische Admiral Igor Kabanenko schrieb beim sozialen Netzwerk Facebook, seines Wissens seien drei große Formationen der russischen Armee in Grenznähe in Kampfbereitschaft versetzt worden. Entweder sei ihr Ziel, die Situation nach dem "Schaukelprinzip" durch Provokationen weiter zu destabilisieren, oder Moskau plane doch eine Militärinvasion.

In welch desolatem Zustand die ukrainische Armee derzeit ist, zeigte ein Beschluss des Ministerrats in Kiew: Zwei Millionen Dosen konserviertes Rindfleisch aus staatlichen Reserven wurden zur Versorgung der Soldaten freigegeben. Sie sollen den Kampfgeist der Truppe heben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Separatisten führen OSZE-Militärbeobachter vor

(RP)
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