Tunesien: Touristen wurden Anschlagsziel in Tunis

Tunis : Touristen wurden Anschlagsziel in Tunesien

Es war das Musterland des Arabischen Frühlings - nun erschüttert Terror die junge Demokratie. Das nordafrikanische Land trauert.

Am Anfang spricht die Parlamentsabgeordnete Sayida Ounissi im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter von einer "großen Panik": Ein Bewaffneter treibe sich vor dem Parlament herum. Nur wenige Minuten später wird klar, dass dies der Auftakt ist zum bislang schlimmsten Terrorangriff in Tunesien seit dem Arabischen Frühling.

Mindestens zwei Angreifer stürmen den Platz zwischen dem Parlament und dem Nationalmuseum Bardo. Die Extremisten schießen willkürlich mit Kalaschnikow-Schnellfeuergewehren auf Touristen, dann verbarrikadieren sie sich mit mehreren Geiseln im Museum. Am Ende sind nach offiziellen Angaben mindestens 21 Menschen tot, darunter zwei Attentäter. Mindestens 17 der Toten seien Urlauber. Nach Angaben von Ministerpräsident Habib Essid kommen sie aus Deutschland, Polen, Italien und Spanien. Weitere 24 Menschen seien verletzt worden.

Die blutige Tat holt das Urlaubsland vier Jahre nach dem Arabischen Frühling in die Realität zurück. Tunesien ist das Geburtsland der Aufstände - und hatte als bislang einziges Land den Weg in die Demokratie geschafft. Anfang 2011 stürzten die Tunesier den Diktator Zine el Abidine Ben Ali. Im Dezember 2014 schloss die erste freie Präsidentenwahl den Demokratisierungsprozess im Land ab - anders als im Rest der Region.

In Syrien, Libyen und im Jemen toben Bürgerkriege, in Ägypten herrscht wieder ein Armeechef. Islamistische Gruppen nutzen das Chaos für ihre Zwecke. Nun zeigten die Extremisten mit einer Machtdemonstration, dass auch in Tunesien mit ihnen zu rechnen ist.

Mit Attacken auf ausländische Urlauber wollen Terrorgruppen häufig dem Tourismus und der Wirtschaft eines Landes schaden, wie im April 2011, als bei einem Bombenanschlag auf ein beliebtes Kaffeehaus in Marokkos Touristenhochburg Marrakesch 17 Menschen starben. Im April 2006 rissen drei Attentate im ägyptischen Taucherparadies Dahab mehr als 20 Menschen in den Tod, darunter einen zehnjährigen Jungen aus Baden-Württemberg. Im Oktober 2002 starben mehr als 200 Menschen, darunter sechs Deutsche, als in zwei Diskotheken auf der indonesischen Ferieninsel Bali Bomben explodierten. Und 20 Menschen, davon 14 Deutsche, kamen im April 2002 durch eine Autobombe auf der tunesischen Mittelmeerinsel Djerba ums Leben.

Das Muster des gestrigen Angriffs in Tunis erinnert an die Bluttat von Islamisten im Januar in Paris. Damals stürmten professionell trainierte Kämpfer hochbewaffnet die Redaktion der Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" - in Tunis kämpfen sich uniformierte Täter in das Bardo-Museum vor. Dort nehmen die Bewaffneten zahlreiche Urlauber als Geiseln. Die meisten der etwa 100 Besucher, die sich zum Zeitpunkt des Überfalls im Museum aufhalten, können jedoch nach Angaben des Innenministeriums rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Spezialeinheiten umstellen den Berichten zufolge zunächst das Gebäude und beenden die Geiselnahme danach.

Im Internet bejubeln Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die Tat, offiziell bekennt sich die Miliz zunächst nicht zu dem Angriff. Der IS kämpft in Syrien und im Irak, hat aber längst Zellen in Ägypten und beim tunesischen Nachbarn Libyen gegründet. Ein Anschlag im Herzen Tunesiens wäre ein neuer Machtzuwachs der Miliz.

Nach dem Ende der Geiselnahme meldet sich die Abgeordnete Ounissi erneut über Twitter zu Wort. "Wir sind ohne Angst", schreibt Sayida Ounissi trotzig.

(dpa/RP)
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