Washington: Trumps Jahr bei Twitter

Washington: Trumps Jahr bei Twitter

Der US-Präsident regiert mithilfe des Kurznachrichtendienstes. Er wütet, hetzt, beschwichtigt und beleidigt. Konzerne, Promis oder Politiker - niemand ist sicher. Die Konsequenzen sind mitunter verhängnisvoll.

Die besten elf Minuten des Jahres? Folgt man dem Urteil von Zeitgenossen, die Donald Trump kritisch gegenüberstehen, dann waren es jene elf Minuten, in denen der Präsident der Vereinigten Staaten nichts twittern konnte. In denen himmlische Ruhe herrschte, weil ein Mitarbeiter des Kurzmitteilungsdienstes das Konto von @realDonaldTrump gesperrt hatte.

Ansonsten aber ist es ein Kapitel enttäuschter Erwartungen. Als der Immobilienmagnat die Wahl gewann, orakelten die Auguren, dass es wohl bald vorbei sein werde mit der Trump'schen Twitterorgie. Sitze der Mann erst im Oval Office, werde er Bürde und Würde des Amts zu schätzen lernen und sowieso kaum noch Zeit finden für Kurzkommentare in maximal 140 Zeichen (mittlerweile 280 Zeichen). Da lag die konventionelle Weisheit gründlich daneben, wie schon so oft im Falle Trumps.

Gegen halb sechs schaltet Trump nach dem Aufwachen den Fernseher an, schaut Nachrichten bei CNN und landet bald bei Fox News, dem Hauskanal der Konservativen, wo mit "Fox & Friends" seine Lieblingssendung läuft. Was er zur Frühstückszeit an Tweets schreibt, nimmt häufig auf Fox und die Freunde Bezug. Es sei denn, er hat den Fernsehmorgen bei "Morning Joe" verbracht, einer Show des linksliberalen Senders MSNBC, deren Grundton ihn oft auf die Palme bringt, auch wenn - oder gerade weil - sie von einem ehemaligen republikanischen Kongressabgeordneten namens Joe Scarborough moderiert wird. Sind Trumps Zeilen besonders ruppig, liegt es nicht selten daran, dass er zum Konter gegen "Morning Joe" ansetzt.

Jedenfalls gab er das ganze Jahr über dem Impuls nach, seine Widersacher, echte oder auch nur vermeintliche, mit dem Vokabular eines pubertierenden Teenagers herabzusetzen. Kim Jong Un war der "kleine Raketenmann", was er noch süffisant steigerte, als er auf eine scharfe Replik aus Pjöngjang antwortete, er verstehe nicht, wieso man ihn alt nenne, wo er doch auch nicht behaupte, dass Kim klein und dick sei.

Auch Parteifreunde verschonte Donald Trump nicht mit seinen Attacken, sobald diese den Mut hatten, ihm zu widersprechen. Über Bob Corker, einen Senator aus Tennessee, lästerte er, den Mann würden sie in Tennessee nicht mal zum Hundefänger wählen. Zuvor hatte Corker das Weiße Haus mit einem Betreuungszentrum für Erwachsene verglichen. Und angesichts wüster Ausfälle des wichtigsten Bewohners hinzugefügt, dass jemand an diesem Morgen offenbar nicht zur Schicht erschienen sei.

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Jeff Flake, einen Senator aus Arizona, erklärte der Vielschreiber zum traurigen Verlierer, der im großen Staat Arizona kein Votum mehr reißen könne, nachdem Flake von rücksichtslosem, unverschämtem, würdelosem Verhalten an der Staatsspitze gesprochen hatte.

Dann wären da noch die Nebelkerzen. Eine zündete Trump, als er im März mit Angela Merkel zur Pressekonferenz im East Room seiner Residenz erschien und man kein promovierter Psychologe sein musste, um die Spannungen zwischen beiden zu spüren. Es dauerte nicht lange, bis er den "Fake-News-Medien", die nur wiedergaben, was offenkundig war, unwahre Berichte unterstellte. Im Gegensatz zu dem, was man dort lese, sei es großartig gewesen, sein Treffen mit der deutschen Kanzlerin. Dennoch, Deutschland schulde den USA Geld.

Oder die merkwürdige Masche, Kabinettsmitglieder via Twitter zu Auslaufmodellen zu stempeln. Im Juli schrieb er von "unserem belagerten" Justizminister, womit er prompt den (letztlich irreführenden) Eindruck erweckte, als seien die Tage Jeff Sessions' an der Spitze des Justizressorts gezählt. Im Oktober fuhr er seinem Außenminister Rex Tillerson an den Karren, indem er ihn wissen ließ, dass er nur seine Zeit verschwende, wenn er mit dem kleinen Raketenmann zu verhandeln versuche. Seither meldet die Gerüchtebörse mit schönster Regelmäßigkeit, Tillersons Abgang sei nur noch eine Frage von Tagen, allenfalls Wochen.

Ende November dann war es Theresa May, die ihr Fett abbekam, immerhin die Regierungschefin eines Landes, das sich den USA in inniger "special relationship" verbunden fühlt. "Uns geht es gut", twitterte der Präsident, zunächst an die falsche Theresa May gerichtet, was allerdings nicht im Sinne einer Urlaubspostkarte gemeint war. Die Premierministerin möge sich auf den radikalislamischen Terrorismus im Vereinigten Königreich konzentrieren, wies er sie zurecht. Damit revanchierte er sich für eine Gardinenpredigt der Britin, die nicht amüsant fand, wie Trump islamfeindliche Propagandafilme einer ultrarechten Organisation zur Ansicht empfahl.

Zum Schluss eine Randnotiz: Verfasst Barack Obama ein paar Zeilen bei Twitter, erreicht er fast 98 Millionen Adressaten. Mehr als doppelt so viele wie Donald Trump.

(RP)