Trinkwasser und Benzin werden knapp

Trinkwasser und Benzin werden knapp

Während die japanische Bevölkerung nach außen hin Gelassenheit demonstriert, wird die Versorgungslage offenbar zunehmend kritischer. Selbst aus Tokio werden Hamsterkäufe gemeldet, einzelne Läden sind ausverkauft. Noch problematischer ist die Situation außerhalb der Hauptstadt. Alle Tankstellen sind geschlossen, Leitungswasser fließt nicht mehr.

Tokio 3000 Yen, umgerechnet etwa 26 Euro, kostet die einsame Videokassette in einem kleinen Supermarkt in der japanischen Hauptstadt Tokio. Man kann hier auch ein Schulheft kaufen. Ein paar Bleistifte, Eis und ein Mundtuch für 300 Yen. Aber das ist alles. "Ausverkauft", sagt der Verkäufer.

Getränke gibt es längst nicht mehr. Der Mann steht vor einer Wand voller Regale, in denen nur Preisschilder zu sehen sind. Keine Lebensmittel. Kein Gebäck, kein Wasser, einfach nichts. "Vielleicht morgen, heute ist alles weg", sagt sein Kollege in einer Nebengasse, kreuzt die Zeigefinger vor seinem Gesicht als Zeichen dafür, dass auch bei ihm kein Wasser mehr zu bekommen ist.

Neben Lebensmitteln und Wasser sind vor allem Taschenlampen und Atemschutzmasken gefragt. In Japan sind inzwischen etliche Versorgungsengpässe entstanden. Zunächst zeigten sich die Bürger zwar diszipliniert und versuchten, ihren Alltag trotz Erdbeben und Tsunami weiterzuleben. Doch dann erreichten sie weitere Schreckensnachrichten: die dramatischen Probleme des Atomkraftwerks Fukushima, die Evakuierung von Zehntausenden Menschen in der Umgebung durch die japanischen Streitkräfte. Und dann rund 60 weitere Nachbeben. 390 000 Menschen sollen inzwischen in den Süden des Landes geflohen sein.

So begannen die Menschen in Tokio und Umgebung schließlich doch, auf den Notfall zu reagieren. Es kommt zu Hamsterkäufen, speziell Trinkwasser und Benzin sind so stark nachgefragt, dass sie Mangelware sind: Auf der Strecke zwischen dem Zentrum von Tokio und dem Atomkraftwerk Fukushima ist nur noch jede sechste Tankstelle geöffnet. Die anderen sind geschlossen. "Ausverkauft" steht auf den großen Schildern an den Zapfsäulen. Selbst in der Katastrophe bewahren die Japaner ihre Haltung. An einer der Tankstellen, die offenbar noch Sprit verkauft, warten sie in langen Autoschlangen am Straßenrand. Es sieht ungewöhnlich ordentlich aus, ganz so, als würden sie lediglich parken.

Die Fahrer hupen nicht, sie fluchen nicht. Sie streiten nicht. Sie warten einfach nur. Und die Schlange von mehr als 50 Autos dehnt sich langsam über eine neue Kreuzung hinweg aus. Plötzlich sieht man, dass eine mindestens genauso lange Reihe von Autos auch von der Gegenrichtung hin zur Tankstelle führt. Die Fahrer warten stundenlang. Vielleicht haben sie Glück, und die Benzinvorräte reichen dann noch aus.

Glück brauchen diese Japaner. Denn sie wissen genau, dass es außerhalb der japanischen Metropole noch viel schlimmer aussieht. Tatsächlich wirkt es immer trostloser, je weiter man sich von Tokio entfernt. Keine Tankstelle ist mehr geöffnet. Fragt man bei den Tankwarten nach, kreuzen sie nicht mehr nur die Zeigefinger, sondern gleich die ganzen Arme vor dem Gesicht.

Ein ähnliches Bild bietet sich in den großen Supermärkten etwa 50 Kilometer vor Fukushima, der Stadt mit den Unglücks-Reaktoren. Die Supermärkte bieten weder etwas zum Essen noch zum Trinken. Und in der Umgebung Fukushimas und in der von Sendai, jenem Ort, der am schlimmsten betroffen ist, kommt nicht einmal mehr Nutzwasser aus dem Wasserhahn.

"Niemand weiß, was jetzt noch alles passieren kann. Ich lebe hier seit 14 Jahren und habe bislang nichts ähnlich Schreckliches erlebt", sagt der tschechische Japanologe und Chef des Tschechischen Zentrums in Tokio, Petr Hol. Auch er ist beeindruckt davon, dass trotz der Katastrophe in seinem Umfeld keine erkennbare Panik herrscht. Solange die Japaner nicht verdursteten oder verhungerten, blieben sie nach außen ruhig, sagt er. "Während überall in der Welt in einem ähnlichen Fall Panik ausbräche und es zu Plünderungen käme, herrscht hier tatsächlich noch Ruhe."

Stattdessen ist die Hilfsbereitschaft groß, wie zum Beispiel im Hotel Hatagoya in der Stadt Sukagawa. Alle 38 Gäste hier sind Menschen, die ihre Heimat verloren haben, weil sie evakuiert werden mussten. Sie schlafen in Zimmern, haben saubere Bettwäsche, es gibt nur kein Wasser. Ein Beet vor dem Hotel unter einer Plane muss als Toilette dienen. Die Frage, was die Gäste denn bezahlen müssten, findet der Eigentümer Otani Msahiko merkwürdig. "Natürlich nichts. Schließlich kann ich ihnen kein fließendes Wasser anbieten."

Jedem, der vorbeikomme, biete er eine Unterkunft an, solange noch Zimmer frei seien. Msahiko: "Das ist doch selbstverständlich."

Lucie Suchá ist Reporterin unserer tschechischen Partnerzeitung "Mladà Fronta Dnes" in Prag

(RP)
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