Madrid: Treffen der "Generation Benedikt"

Madrid : Treffen der "Generation Benedikt"

Hunderttausende junge Katholiken kamen gestern zur Eröffnungsmesse des Weltjugendtags nach Madrid. Morgen wird der Papst in Spanien erwartet. Der Auftakt war erfolgreich – grundsätzlich aber gilt: Immer mehr Spanier stehen der katholischen Kirche gleichgültig gegenüber.

Der Weltjugendtag beginnt schon sieben Stunden vor der offiziellen Eröffnung, für spanische Verhältnisse in aller Herrgottsfrühe. Auf 200 mobilen Beichtstühlen in modernstem Design können die Gläubigen schon ab 10 Uhr ihre Sünden bekennen und um Vergebung bitten. "Ohne Beichte kann ich nicht an der Eucharistiefeier teilnehmen" – so erklärt ein Pilger aus Kolumbien, warum er zu den im Madrider Retiro-Park aufgestellten schneeweißen Beichtstühlen gekommen ist. Aus der Ferne sehen sie aus wie Segelboote: Anspielung auf das Bild von den Menschenfischern, zu denen Jesus Christus seine Jünger machen wollte.

Ob es am Abend dann die knapp 500 000 Pilger waren, die sich offiziell angemeldet haben, oder dreimal so viele, wie der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Madrid, Kardinal Antonio María Rouco Varela, erwartete, konnte niemand mehr überprüfen. Fest steht: Zur feierlichen Eröffnungsmesse platzte Madrids Innenstadt aus allen Nähten. Überall waren die gelben Hemden der Pilger zu sehen; viele trugen Fahnen ihrer Heimatländer.

Rouco Varela nannte die jungen Gläubigen in seiner Begrüßungspredigt auf dem zentralen Cibeles-Platz "die Generation Benedikt XVI." und forderte, in einer von "spirituellem und moralischem Relativismus" geprägten Welt sollten sie ihre Mitmenschen wieder evangelisieren, Gleichaltrige für den Glauben begeistern. Der Kardinal erwähnte jedoch auch die Wirtschaftskrise, sprach von fehlenden moralischen Fundamenten in Gesellschaft und Familie, einer Mischung materieller und spiritueller Unsicherheiten, die auch Christen leicht ins Wanken bringen könnten.

Papst Benedikt XVI. wird morgen in Madrid erwartet. Die jungen Gläubigen werden ihm nicht weniger zujubeln als seinem Amtsvorgänger Johannes Paul II., den Madrids Bischof einmal als den "Papst der Jugend" bezeichnete. Bei den Gottesdiensten in Madrid soll eine Blutreliquie des verstorbenen Papstes gezeigt werden.

Viele der Pilger trugen Strohhüte zum Schutz vor einer gnadenlos brennenden Sonne – 37 Grad im Schatten wurden gestern in der spanischen Hauptstadt gemessen. Dennoch versammelten sich Brasilianer auf der barocken Plaza Mayor, Franzosen auf dem zentralen Platz Puerta del Sol. Viele spielten Gitarre; kaum eine Gruppe gab es, die nicht fröhliche und religiöse Lieder anstimmte.

Dennoch sind nicht alle Spanier einverstanden mit dem Ereignis, das sie für überfüllte U-Bahnen und weiträumige Straßensperrungen verantwortlich machen. 150 in der Plattform "Laizistisches Europa" zusammengeschlossene Vereinigungen, darunter das "Christliche Netzwerk", aber auch die "Vereinigung der atheistischen Freidenker", kritisieren vor allem die Finanzierung des 50 Millionen Euro teuren Weltjugendtags und die Beteiligung des Staats daran. Ihre Kritik: Die spanische Armee wird vor Benedikt XVI. aufmarschieren, die Sponsoren des Weltjugendtags konnten ihre Spenden von der Steuer absetzen, Pilger bekommen eine drei Tage gültige U-Bahn-Karte für vier Euro, während normale Touristen für das gleiche Ticket 25 Euro zahlen müssen. Auch wenn sich im Urlaubsmonat August nicht mehr als ein paar Tausend Demonstranten dazu einfinden werden, wird es doch die größte Demonstration gegen die katholische Kirche seit Einführung der Demokratie in Spanien 1978 werden.

Nur wenige Spanier sind wirklich gegen die Kirche, doch viele stehen ihr gleichgültig gegenüber. Volle Sonntagsmessen kennen auch die spanischen Pfarrer nur noch an Weihnachten oder Ostern. Nach Jahrhunderten, in denen die katholische Kirche ganz selbstverständlich in der Rolle einer staatlichen Institution war, schwindet ihr gesellschaftlicher Rückhalt seit der Einführung der Demokratie. Zwar sind 92 Prozent der Spanier getauft, aber nur noch 71 Prozent erklären, sie seien Katholiken. Vor 20 Jahren waren es noch mehr als 90 Prozent. Unter den jungen Spaniern gehen nur acht Prozent wenigstens einmal im Monat in die Kirche; bei den Rentnern sind es fast 40 Prozent. Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Neugeborenen wird getauft.

Die katholische Kirche hat auch in Spanien ein Altersproblem. Darüber kann auch der Weltjugendtag nicht hinwegtäuschen.

(RP)
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