Todesfalle Touristen-Café

Todesfalle Touristen-Café

Bei einer Explosion sind in der marokkanischen Wüstenstadt Marrakesch mindestens 15 Menschen getötet worden – darunter auch bis zu elf Ausländer. Ob Deutsche unter den Opfern sind, ist unklar. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem Anschlag aus. Ziel war ein beliebtes Kaffeehaus.

Marrakesch (maxi) Es ist gegen Mittag, als die schwere Explosion den Marktplatz im Herzen der Altstadt von Marrakesch erschüttert. Viel Betrieb herrscht zu diesem Zeitpunkt auf dem berühmten Djemma-el-Fna-Platz, seit 1985 auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco. Mindestens 15 Menschen sterben, 23 weitere werden zum Teil schwer verletzt in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Unter den Opfern sind nach ersten Angaben elf Ausländer. Ob Deutsche darunter sind, bleibt bis zum Abend unklar. Makabres Detail: Djemma el Fna heißt so viel wie "Platz der Gehängten" oder "Versammlung der Toten" – in Anlehnung an Hinrichtungen, die die arabischen Herrscher dort früher vollstrecken ließen.

Das marokkanische Innenministerium legt sich schon am Nachmittag auf einen "kriminellen Akt" fest. Am Abend konkretisiert die Regierung diese Einschätzung noch einmal: Ein Selbstmordattentäter habe sich unter die Gäste des Kaffeehauses gemischt und den Sprengsatz gezündet. Für einen Terroranschlag spricht das Ziel. Die Detonation ereignete sich im "Argana Café", das sich über drei Etagen erstreckt. Es gilt sowohl bei Einheimischen als auch bei Touristen als beliebter Treffpunkt. Der überwiegend von jungen Rucksack-Reisenden genutzte Touristenführer "Lonely Planet" platziert das "Argana" in seiner "Liste der 215 Dinge, die man in Marrakesch machen sollte" auf Rang 21. "Es ist eines der wenigen Cafés, in dem Reisende mit Einheimischen um einen Platz für den spektakulären Blick auf den Djemma bei Sonnenuntergang buhlen", heißt es in der Empfehlung.

Die Wucht der Detonation legt die gesamte Fassade des "Argana" in Trümmer. Augenzeugen berichten von chaotischen Szenen auf dem wegen seiner Gaukler, Schlangenbeschwörer, Akrobaten, Feuerschlucker und Zauberer beliebten Marktplatz. "Es gab einen riesigen Knall, es stieg viel Rauch auf, und es regnete Trümmer. Hunderte Menschen rannten in Panik umher, einige hin zum Café, andere weg vom Platz", sagt der Brite Andy Birnie der Nachrichtenagentur AP.

Galt Marokko lange als vergleichsweise sicheres nordafrikanisches Reiseziel, raten deutsche Behörden Touristen inzwischen zu erhöhter Vorsicht. So warnt das Auswärtige Amt vor Entführungen und Anschlägen. Vor allem der wachsende Einfluss der Terrorgruppe "Al Qaida im Islamischen Maghreb" (AQMI) bereitet den deutschen Behörden Sorge. Hatte diese bislang nur in Algerien, Niger, Mali und Mauretanien operiert, rechnet das Bundesaußenministerium mittlerweile mit einem Übergreifen der Aktivitäten auf marokkanisches Gebiet. Dass AQMI den gestrigen Anschlag verübt haben könnte, dafür sprechen die jüngsten Aktionen marokkanischer Sicherheitskräfte gegen die Gruppe. Sie hatten zuletzt mehrere AQMI-Zellen zerschlagen.

Deutsche Reiseveranstalter hatten gestern zunächst keine Erkenntnisse über mögliche Opfer unter ihren Kunden. Mit Thomas Cook in das nordafrikanische Land gereiste Urlauber sind nach Angaben des Unternehmens wohlauf. "Derzeit befindet sich etwa eine Handvoll Thomas-Cook-Reisender in Marrakesch, und denen geht es, soweit wir wissen, gut", sagte ein Sprecher. Allgemein werde Marrakesch als Reiseziel nur für Städte- oder Rundreisen angeboten. Insofern sei die Zahl der Gäste dort im Regelfall gering. Ob es in den nächsten Tagen geplante Anreisen gebe, könne er noch nicht sagen. "Wir wollen für unser weiteres Vorgehen die Einschätzung des Auswärtigen Amtes abwarten", sagte der Thomas-Cook-Sprecher. Eine Tui-Sprecherin erklärte, derzeit gebe es noch keine sicheren Erkenntnisse. Wenn diese vorlägen, werde das Unternehmen entsprechend reagieren.

Der letzte schwere Anschlag in Marokko wurde im Mai 2003 in der Hafenstadt Casablanca verübt. Die Attentäter zündeten damals fünf Sprengsätze. 45 Menschen kamen ums Leben, mehr als 100 Menschen wurden verletzt. Die marokkanische Regierung ließ daraufhin 2000 Islamisten festnehmen.

(RP)
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