Münchner Sicherheitskonferenz Die Augen verweint, die Stimme fest

München · In Zeiten von Krieg und Krisen wirbt UN-Generalsekretär Antonio Guterres bei der Münchner Sicherheitskonferenz für eine friedlichere Welt. Doch die Meldung vom Tod des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny überschattet den Auftakt der Konferenz. Julia Nawalnaja kündigt Wladimir Putin Vergeltung an: „Und dieser Tag wird bald kommen.“

 Julia Nawalnaja richtete nach der Nachricht vom Tod ihres Mannes Alexej Nawalny einen eindringlichen Appell zur Strafverfolgung von Wladimir Putin an die Münchner Sicherheitskonferenz

Julia Nawalnaja richtete nach der Nachricht vom Tod ihres Mannes Alexej Nawalny einen eindringlichen Appell zur Strafverfolgung von Wladimir Putin an die Münchner Sicherheitskonferenz

Foto: dpa/Tobias Hase

Die Augen verweint. Die Stimme fest. Julia Nawalnaja hat überlegt: Soll sie hier reden? Oder soll sie es nicht? Und zurückfahren zu ihren Kindern. Sie hat sich schließlich für ihren Mann entschieden: für Alexej Nawalny, dafür, was dieser in einer solchen Situation getan hätte. „Alexej hätte geredet.“ Und so nutzt Nawalnaja die Gelegenheit, das offene Mikrofon und die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer im Saal, die sich zu ihrer Begrüßung alle erhoben haben. Nawalnaja hat soeben vom Tod ihres Mannes erfahren, gestorben in einer russischen Strafkolonie. Wobei sie in diesem Moment noch gewisse Zweifel am Wahrheitsgehalt der Nachricht plagen. Jeder würde verstehen, wenn Nawalnaja nun in ihrem Hotelzimmer oder schon auf dem Weg zu ihren Kindern wäre, aber sie will diese Bühne.

Schon 90 Minuten zuvor hatte der erste Satz, auch der zweite und der dritte dieser Konferenz einem Mann gehört: Alexej Nawalny, dessen Tod in einer russischen Strafkolonie kurz zuvor gemeldet worden war. Christoph Heusgen steht am Freitagmittag auf jener Bühne, auf der in den nächsten drei Tagen Staats- und Regierungschefs, Außen- und Verteidigungsminister aus aller Welt, über den Lauf der Dinge diskutieren werden. Heusgen sagt mit leiser Stimme: „Ein sehr besonderer Mann, unsere Gedanken sind heute bei seiner Frau und seinen Kindern.“ Stille und ein Gefühl von Beklommenheit im Saal. Diese 60. Münchner Sicherheitskonferenz soll eine besondere werden – in Zeiten von Kriegen in der Ukraine, im Gaza-Streifen, im Jemen. Und sie ist es gleich mit dem ersten Aufschlag. Die getragenen Töne, die die Musiker des Streichquartetts von Dirigent Daniel Barenboim zur Einstimmung auf diese 60. Auflage der Veranstaltung spielen, klingen in diesen Minuten wie ein Requiem für Nawalny.

Alexej Nawalny: Bekanntester Krem-Kritiker ist tot
10 Bilder

Aus dem Leben von Alexej Nawalny

10 Bilder
Foto: dpa/Pavel Golovkin

Um 15.06 Uhr betritt Nawalnaja die Bühne im Ballsaal des Konferenzhotels „Bayerischer Hof“. Sie sagt, sie habe die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhalten. Aber es sei eben eine Nachricht verbreitet von den offiziellen russischen Medien. „Sollen wir diese furchtbaren Nachrichten glauben?“, fragt Nawalnaja und deutet damit die Durchtriebenheit und Verlogenheit des Systems von Wladimir Putin an. Selbst im Tod kann in Russland eine Lüge stecken. „Denn sie lügen unaufhörlich.“ Sie gibt sich entschlossen, kämpferisch, unerschrocken. Putin und alle, die für ihn arbeiteten, seine Freunde, seine Umgebung, sie würden „nicht straflos ausgehen für das, was sie unserem Land angetan haben, was sie meiner Familie und meinem Mann angetan haben. Und dieser Tag wird bald kommen.“

Guterres, der in seiner Rolle als UN-Generalsekretär auch eine Art oberster Wächter über den Weltfrieden ist, spricht über die „Herrschaft des Rechts“, der er in diesen Zeiten, in denen es durch das Aufkommen autoritärer Regime zu einem „Wettbewerb allgemeiner Straflosigkeit“ gekommen sei, wieder zu Stärke verhelfen wolle. Eine Aufgabe für alle – für die gesamte Weltgemeinschaft. Herrschaft des Rechts? Guterres kann Putin nicht gemeint haben, der versucht hatte, Nawalny mit mehreren fragwürdigen Justizverfahren mundtot zu machen. Jetzt ist Putins härtester innenpolitischer Kritiker und Gegner mehr als das: tot. Guterres spricht über eine Rekordzahl von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Welt, von der „entsetzlichen Situation“ in Gaza, die die gesamte Region, ja die Welt angehe. Er spricht sich für eine Reform des UN-Sicherheitsrates aus – wieder einmal, um die Herausforderungen für die Welt von morgen zu bewältigen.

Die Welt von morgen. Sie soll möglichst besser werden als die Welt von heute, so die Hoffnung bei dieser Konferenz. Dazu zählt für US-Vizepräsidentin Harris auch, dass Israel den Schutz der Zivilbevölkerung in Gaza besser hinkriegen müsse, auch wenn Israel ohne Zweifel das Recht habe, sich selbst zu verteidigen. Aber: „Zu viele Palästinenser sind gestorben.“ Am Ende gehe es ohnehin nicht ohne Zwei-Staaten-Lösung. Die US-Demokratin kehrt dann trotz aller Versuche von China, „die Weltordnung neu aufzustellen“, erst einmal im eigenen Haus, im amerikanischen Garten. Es sei die Frage, ob es tatsächlich im US-Interesse sei, für die Demokratie zu kämpfen oder den Aufstieg von Diktatoren zu akzeptieren. Damit ist Harris schnell wieder bei Putin, dessen Krieg in der Ukraine „ein totales Versagen für Russland“ sei. Russland habe zwei Drittel seiner Panzer, ein Drittel seiner Schwarzmeerflotte verloren. Russland werde für den Schaden aufkommen müssen, den es in der Ukraine verursacht habe. „Stellen Sie sich vor, die USA hätten der Ukraine den Rücken gekehrt und Europa alleine gelassen? Wenn wir einfach nur danebenstehen, wenn ein Aggressor bei seinem Nachbarn einfällt, dann wird es weitergehen. Genauso ist es auch mit Putin“, so Harris. Der Westen müsse Demokratie und internationale Regelwerke verteidigen. Alles Fremdworte in Putins Reich. Harris hat dazu noch gesagt: Nawalnys Tod zeige eines: die „Brutalität von Russland“.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort