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Analyse: Terror-Achse bis zum Mittelmeer

Analyse : Terror-Achse bis zum Mittelmeer

Der rasante Vormarsch der ultra-radikalen Islamisten-Gruppe Isis im Irak könnte den Zerfall der staatlichen Ordnung in der ganzen Region einleiten und eine neue Operationsbasis für Terroristen schaffen - vor der Haustür Europas.

Es ist ein Blitzkrieg: In wenigen Tagen haben die Kämpfer der sunnitischen Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) große Teile des nördlichen Iraks in ihre Gewalt gebracht. Die irakische Armee, obwohl haushoch überlegen, ist machtlos, weil viele sunnitische Soldaten keine Lust haben, für die Regierung des umstrittenen Schiiten Nuri al Maliki zu kämpfen. Gewiss, der Irak war auch bisher schon kein friedliches Land. Nun aber droht noch Schlimmeres: Die Entstehung eines Terrorstaats, der nach dem Willen von Isis-Chef Abu Bakr al Bagdadi nicht nur den Irak und Syrien, sondern auch den Libanon umfassen soll. Afghanistan und die Terror-Brutstätten von Taliban und Al Qaida waren weit weg; das neue Afghanistan läge am Mittelmeer. Und damit vor unserer Haustür. Wie konnte es soweit kommen?

Im Mai 2003 gingen die Bilder von US-Präsident George W. Bush um die Welt, als er vor laufenden Kameras auf einem Flugzeugträger den Einsatz im Irak großspurig für beendet erklärte: "Mission erfüllt!" Saddam Hussein war gestürzt, seine Armee geschlagen. Aber der nächste Krieg, ein Bürgerkrieg, hatte schon begonnen. Bushs Angriff auf den Irak, angezettelt auf der Basis frisierter Informationen, war ein schrecklicher Fehler. Doch nun stellt sich die Frage, ob Bushs Nachfolger Barack Obama nicht gleich noch einen obendrauf gesetzt hat. Der eilige Totalabzug der US-Truppen aus dem Irak 2011 ließ ein Land zurück, das - anders als von Obama behauptet - keineswegs "souverän, stabil und selbstbewusst" war, sondern ein von Rivalitäten zwischen Volksgruppen und Konfessionen zerfressenes Gebilde. Obama stufte die Krise im Irak als Notfall ein. Er wolle sicherstellen, dass die Extremisten gestoppt werden könnten, sagte er im Weißen Haus.

In Syrien wollten die Amerikaner von Anfang an nicht direkt eingreifen, die bösen Erfahrungen im Irak und auch in Afghanistan vor Augen. Und in Europa drängten eigentlich nur die Franzosen darauf. Man kann diese Skrupel verstehen. Aber man muss sich auch eingestehen, was die Folgen sind: Weil die Weltgemeinschaft die ideologisch vergleichsweise moderaten Kämpfer der Freien Syrischen Armee nicht tatkräftig (das heißt mit modernen Waffen) gegen die hochgerüstete Armee des syrischen Präsidenten Baschar al Assad unterstützen mochte, beherrschen heute die radikalen islamistischen Milizen das Terrain. Assad ist das nicht unrecht. Er darf sich begründete Hoffnungen machen, dass er nun als das geringere Übel angesehen wird - obwohl sein Regime in der Vergangenheit das Treiben diverser sunnitischer Dschihad-Gruppen im Irak gefördert hat.

Weil in der Region jeder jeden auszuspielen versucht, wird es schwer sein, schnell eine Koalition gegen die Bedrohung durch die Isis zu schmieden. Aber dazu gibt es eigentlich keine Alternative, wenn ein zweites Afghanistan verhindert werden soll, eine Brutstätte des Terrors drei Flugstunden von Deutschland entfernt. Schon jetzt nimmt die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus stark zu. Laut US-Außenministerium stieg die Zahl der Anschläge zwischen 2012 und 2013 weltweit um ein Drittel auf rund 9700. Der syrische Bürgerkrieg ist der wichtigste Katalysator für diese Entwicklung. Hier versammeln sich die Radikalen aus aller Welt, die jetzt auch im Irak auf Eroberungszug sind. Wir müssen unsere Politik des Zuschauens dringend überdenken.

(RP)