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Tausende gegen Gaddafi

Tausende gegen Gaddafi

Die Sicherheitskräfte des libyschen Diktators gehen mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Angeblich schießen Militärflugzeuge auf Menschen. Der Staatschef selbst soll Gerüchten zufolge das Land verlassen haben.

Tripolis/Bengasi (RP) Die Proteste in Libyen haben sich trotz aller Gewaltandrohungen des herrschenden Regimes auf fast alle größeren Städte des Landes ausgeweitet. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen sind nach Berichten des arabischen Senders al Dschasira allein gestern über 60 Menschen getötet worden. In den bisherigen fünf Tagen des Protests sind Schätzungen zufolge bereits 400 Demonstranten ums Leben gekommen. Angeblich feuerten Militärflugzeuge auf die Protestierer. Immer wieder kam es zu Schießereien in den großen Städten des Landes.

Der libysche Staatschef Muammar al Gaddafi vermied Auftritte in der Öffentlichkeit. Sein Sohn Saif al Islam warnte in einer Fernsehansprache vor einem Bürgerkrieg und kündigte an, dass die Kräfte des Regimes bis "zum letzten Mann, ja selbst bis zur letzten Frau" weiterkämpfen würden. Über den Verbleib Gaddafis gab es gestern Unklarheit. Gerüchten zufolge hat er das Land bereits verlassen. Der britische Außenminister William Hague erklärte in Brüssel vor Journalisten, ihm lägen Berichte vor, wonach der libysche Machthaber nach Venezuela geflohen sei. Eine Bestätigung gab es dafür nicht. Die Regierung in Venezuela wies die Berichte zurück. Zuvor hatten mehrere arabische Sender eine Flucht Gaddafis gemeldet. Das dementierten Familienmitglieder seines Clans unmittelbar.

Die Gewalt war in der Nacht zu gestern abermals eskaliert. Am Morgen wurden Regierungsgebäude in Tripolis angegriffen. Das Parlament, die "Halle des Volkes", ging laut Augenzeugenberichten in Flammen auf. In Bengasi und acht anderen wichtigen Städten im Osten haben Gaddafis Sicherheitskräfte angeblich die Kontrolle über die Lage verloren. Internet-Bilder zeigen jubelnde Demonstranten, die offenbar die offiziellen Truppen vertrieben haben. Auch aus der Stadt Ras Lanuf, wo eine wichtige Ölraffinerie steht, wurden Proteste gemeldet.

Zugleich wandten sich einstige Gefolgsleute Gaddafis vom libyschen Machthaber ab. Justizminister Mustafa Abdul-Dschalil trat aus Protest gegen die "exzessive Gewalt" gegen Demonstranten zurück, wie die einheimische Zeitung "Quryna" berichtete. Ein wichtiger Stammesführer kündigte Gaddafi ebenfalls die Gefolgschaft auf. Zwei Kampfjets der Luftwaffe landeten in Malta. Etliche Soldaten und Polizisten desertierten. Augenzeugen berichten aber auch von Hinrichtungen von Sicherheitskräften, die sich geweigert hätten, auf Zivilisten zu schießen.

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Unterstützung für die Proteste kam von islamischen Geistlichen. Ein Rat von 50 Imamen erklärte, es sei Pflicht aller Muslime, gegen die libysche Führung aufzubegehren. Zugleich forderten die Geistlichen die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Politiker in aller Welt verurteilten die Gewalt des Regimes. Die Bundesregierung forderte alle Deutschen auf, das Land zu verlassen. Derzeit befinden sich dort etwa 500 Deutsche. Siemens und RWE begannen, ihre Mitarbeiter auszufliegen. Die BASF-Tochter Wintershall fuhr ihre Ölproduktion herunter.

(RP)