Interview: "Syrien wird auf Generationen entstellt sein"

Interview : "Syrien wird auf Generationen entstellt sein"

Herr Melgarejo, Sie haben als Koordinator des Deutschen Roten Kreuzes die vergangenen vier Wochen in Syrien verbracht, vorwiegend in Damaskus. Wie ist die Lage dort?

Herr Melgarejo, Sie haben als Koordinator des Deutschen Roten Kreuzes die vergangenen vier Wochen in Syrien verbracht, vorwiegend in Damaskus. Wie ist die Lage dort?

Melgarejo Weite Teile der Stadt sind inzwischen Kampfgebiet, wo es immer wieder zu heftigen Gefechten kommt, bei denen auch schwere Waffen eingesetzt werden. Die Wirkung ist verheerend: Einige Straßenzüge sind bereits völlig zerbombt, da steht kein Stein mehr auf dem anderen. Und außerhalb von Damaskus sind die Zerstörungen meist noch viel schlimmer.

Die Uno hat den Bürgerkrieg in Syrien unlängst als humanitäre Katastrophe der höchsten Stufe 3 klassifiziert. Was bedeutet das konkret?

Melgarejo Konkret bedeutet das, dass innerhalb Syriens mindestens 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht sind, die wegen der Kämpfe ihre Wohnungen verlassen mussten und jetzt in Notquartieren oder Auffanglagern hausen. Dazu kommen 630 000 Syrer, die in den Nachbarländern Zuflucht gesucht haben. Und noch einmal 1,5 Millionen Menschen, die nicht vertrieben wurden, aber auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Denn es mangelt inzwischen an allem, vor allem an Brennstoff und Nahrungsmitteln.

Lässt Sie das Regime frei arbeiten, oder werden Sie behindert?

Melgarejo Natürlich gibt es in einer solchen Lage starke Einschränkungen, was die Bewegungsfreiheit angeht. Für jede Fahrt müssen wir erst Sondergenehmigungen beantragen, es gibt überall Kontrollen. Aber man muss schon sagen, dass unsere Partner vom Syrischen Roten Halbmond von allen Konfliktparteien als neutral respektiert werden und deshalb Zugang zu den Opfern des Kriegs erhalten. Das ist manchmal durchaus schwierig, aber es gelingt.

Wie ist die Stimmung der Menschen, gibt es noch Hoffnung in Syrien?

Melgarejo Es macht sich Resignation breit. Die Menschen begreifen allmählich, dass unabhängig davon, wie und wann die Kämpfe vielleicht einmal enden, ihr Land durch den Konflikt auf Generationen entstellt sein wird. Und viele haben immer noch Mühe zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, dass Syrer auf Syrer schießen. Es ist ja ein Konflikt, der sich quer durch die Familien zieht und die Gesellschaft spaltet.

M.BEERMANN FÜHRTE DAS INTERVIEW

(RP)
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