Analyse: Syrien ist Putins große Chance

Analyse : Syrien ist Putins große Chance

Damaskus ist seit jeher Moskaus engster Freund in Nahost. Doch von Sentimentalität lässt sich der Kreml-Chef nicht leiten - ihm geht es um viel mehr.

Zwar dementiert der Kreml regelmäßig westliche Hinweise auf verstärkte russische Militäraktivitäten im Nahen Osten. Doch seit der Annexion der Krim hat Russland ein Glaubwürdigkeitsproblem. Hinter den "höflichen Menschen" ohne Hoheitsabzeichen, die die ukrainische Halbinsel 2014 im Handstreich nahmen, verbargen sich zuletzt auch hochtrainierte Spezialeinheiten. Bringt sich Moskau nun also für den Endkampf um die syrische Mittelmeerküste in Stellung?

Der Clan von Staatschef Baschar al Assad gehört zu der Glaubensgemeinschaft der rund um die Stadt Latakia ansässigen Alawiten. Russische Beobachter wollen nicht ausschließen, dass Moskau zurzeit eine Verteidigungslinie errichtet, um den Mittelmeerstreifen vor dem sunnitischen IS zu schützen.

Die Verbundenheit zwischen Moskau und Damaskus reicht in die 50er Jahre zurück. Die Sowjetunion rüstete die syrische Armee seither mehrfach komplett neu aus. Hunderttausende Syrer studierten an sowjetischen Hochschulen. Damaskus wurde im Nahen Osten zum engsten Verbündeten. Inzwischen verblassen diese Erinnerungen - für die Unterstützung des Regimes in Damaskus werden Sentimentalitäten von den russischen Medien jedoch immer noch gerne genutzt.

Eine Abkehr von Assad würde in Russland Fragen aufwerfen: Wieso lassen wir unseren alten Freund fallen? Weil der Westen es will? Diese Klientel darf der Kremlchef nicht vor den Kopf stoßen. Schon ein paar Punkte weniger Zustimmung in Umfragen versetzen den Kreml in Aufregung. Putins Image als "Sammler russischer Erde" und unbeugsamer Anwalt eines vermeintlich vom Westen entrechteten Russland nähme Schaden.

Auf die Idee käme der Kreml-Chef indes gar nicht. Wirtschaftliche Verflechtungen dürften als Motiv inzwischen auch keine Rolle mehr spielen. Mit der Präsenz in Syrien unterstreicht Russland den Anspruch auf eine führende Rolle in der Welt. Wenn nicht mehr als Weltmacht, so doch als "Beinahe-Weltmacht", meint der Islam-Experte Alexei Malaschenko von der Carnegie-Stiftung in Moskau. Vielleicht gelingt es Putin sogar, sich bei der aktuellen UN-Generalversammlung in New York einer neuen Anti-Terror-Koalition zu empfehlen, auch wenn er sich da aufdrängen müsste. Militärische Absprachen mit den USA werden nach Angaben aus Washington bereits erwogen.

In Syrien kann der Kremlchef zurzeit nicht viel falsch machen - vorausgesetzt, er vermeidet es, sich in einen Bodenkrieg verwickeln zu lassen. Die Auseinandersetzungen am Boden könnte der Iran übernehmen. Dessen Offiziere sollen ohnehin in der syrischen Armee den Ton angeben. Ein Schulterschluss mit Teheran würde zudem die Beziehungen nach dem Atom-Deal vom Frühjahr stärken und die Islamische Republik davon abhalten, gen Westen zu schauen. Außerdem hätte sich Wladimir Putin wieder als ideenreicher Weltpolitiker präsentiert, der sich mehr Achtung verdient hat, auf jeden Fall aber einen allmählichen Abbau der Sanktionen.

Im Nahen Osten wäre Russland dann als ein Ordnungsfaktor zurückgekehrt, zumal es im Moment auch mit dem Erzfeind des Iran turtelt: mit Saudi-Arabien.

(RP)
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