Analyse: Stadt, Land, Frust

Analyse: Stadt, Land, Frust

Nationalistische und autoritäre Politik hat im Ausland jüngst vor allem außerhalb der Ballungsräume Erfolg gehabt. Westdeutschland macht bei diesem Muster nicht mit. Hier gilt nach wie vor: Das Land wählt CDU. Warum?

Wer einst etwas über politische Grundsatzentscheidungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts lernen möchte, der wird eine komplizierte Gleichung lösen müssen, eine Gleichung mit fünf Variablen. Diese Variablen heißen Österreich, Großbritannien, USA, Türkei und Frankreich. Fünf Staaten, in denen 2016/17 jeweils eine wichtige Wahlentscheidung anstand oder ansteht. Und zwar eine Entscheidung, in der es um Ja oder Nein, um Person A oder Person B geht: Schwarz-Weiß-Fragen, Entweder-oder. Österreicher, Amerikaner und Franzosen wählten oder wählen noch ihr Staatsoberhaupt, die Briten stimmten über den Verbleib in der EU ab, die Türken über einen weitreichenden Umbau ihrer Verfassungsordnung.

Ein denkbar breites Spektrum also. Eine Gemeinsamkeit aber springt ins Auge: Städtische Zentren wählten anders als das platte Land. Dreimal (Brexit, USA, Türkei) setzten sich populistische oder autoritäre Positionen und Politiker durch, dreimal siegte, zugespitzt gesagt, Land über Stadt. Beispiel USA: In Michigan, einem der Staaten, die die Republikaner den Demokraten abnahmen, stimmten 75 von 83 Countys mehrheitlich für Donald Trump. Trotzdem lag Trump in Michigan nur 0,2 Prozentpunkte vor Hillary Clinton. Die wenigen bevölkerungsstarken städtischen Countys, etwa in Detroit, wählten Clinton, die vielen kleinen ländlichen Trump. Der "Economist" errechnete für die USA, dass dort, wo die Bevölkerungsdichte unter einem Einwohner pro Quadratmeile lag, Trump 80 Prozent holte.

Oder in Großbritannien: Die zehn Wahlbezirke der Insel mit dem höchsten Anteil an EU-Befürwortern haben im Schnitt mehr als 107.000 Einwohner, die zehn Bezirke mit dem höchsten Anteil für den Brexit nur gut halb so viele.

Oder in Frankreich: In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl kam Marine Le Pen nur in einer der 15 größten Städte des Landes auf Platz eins, nämlich in Toulon; in sechs der 15 Städte, darunter Paris, wurde sie mit einstelligen Prozentwerten abgestraft.

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land ist altbekannt, er gehört sogar zum kulturellen abendländischen Grundwortschatz: Stadtluft macht frei, hieß es früher. Stadtluft macht links, könnte man heute kühn vermuten - in Österreich etwa wählten die Ballungszentren mehrheitlich den Grünen Alexander Van der Bellen, in der Türkei stimmten die drei größten Städte gegen das von der eher linksstehenden Opposition abgelehnte Präsidialsystem. "Seit einiger Zeit beobachten wir eine neue Verschärfung des Stadt-Land-Gegensatzes", sagt der Siegener Politikwissenschaftler Tim Spier. "Vor allem hat das Ganze etwas Krisenhaftes bekommen", ergänzt der Bochumer Soziologe Sören Petermann, der lieber von "Großstädten und Ballungsräumen einerseits und den eher peripheren Gebieten andererseits" spricht.

Dabei sind sich die Wissenschaftler einig: Die kühne Vermutung "Stadtluft macht links" ist zu kühn - in der Stadt lebt vielmehr eine andere, tendenziell linkere Klientel. Das mag auch erklären, warum in Frankreich der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon in sechs der 15 größten Städte vorn lag. "In der Türkei hat sich das ländliche, muslimisch-konservative Milieu gegen die weltlichen städtischen Eliten durchgesetzt", resümiert Spier. Petermann bringt zudem einen "kulturellen Faktor" in Anschlag: "Großstädter sind eher mit Vielfalt vertraut und offen für Veränderung."

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Was aber umgekehrt bedeutet, so Petermann: "Die Peripherie ist eher anfällig für Gefühle des Abgekoppeltseins. Entsprechend wird die Globalisierung hier eher mit Befremden aufgenommen." Das ist der Angriffspunkt für die Populisten, die großen Vereinfacher, die neue Grenzen versprechen, so wie Trump und Le Pen, oder neue nationale Größe, so wie Recep Tayyip Erdogan.

Bis hierhin ist alles zwar idealtypisch zugespitzt, aber in der Tendenz klar. Komplizierter wird es in der Bundesrepublik. Den Stadt-Land-Gegensatz kennen die Demoskopen auch hier bestens, allerdings eher althergebracht: Land wählt CDU, Stadt wählt - nun ja, nicht mehr in Massen SPD, aber doch eher links. Von den 15 größten deutschen Städten hat nur eine (Essen) einen Oberbürgermeister von der CDU. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 zum Beispiel lag die CDU nur in Gemeinden unter 10.000 Einwohnern knapp vor den Grünen, in Großstädten 14 Punkte hinter ihnen. Die AfD dagegen schnitt in kleinen Städten nur wenig besser ab als in großen.

Protagonistin des Stadt-Land-Gegensatzes ist nicht die AfD, sondern die CDU, zumindest in Westdeutschland. "Das katholisch-konservative Milieu auf dem Land ist nach wie vor in weiten Teilen intakt", begründet Politologe Spier: "Und dort ist die Affinität zur Union stark." Dagegen seien traditionelle SPD-Milieus erodiert: "Arbeiter wählen heute eher Rechtspopulisten oder die Linke als die SPD." Ihre beiden Direktmandate in Baden-Württemberg gewann die AfD in Mannheim und Pforzheim. Es sind die beiden Bezirke im Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit.

Und das ist der gemeinsame Nenner der Erfolge Trumps im "Rust Belt", Le Pens in den alten Kohlerevieren und der AfD in früher florierenden Industriestädten: "Prekäre materielle Verhältnisse" nennt es Spier, also hohe Arbeitslosigkeit und hohe Anteile von Sozialleistungsempfängern. Kein Wunder also, dass sich bange oder erwartungsvolle Blicke, je nach Standpunkt, auf das Ruhrgebiet richten: Wenn NRW am 14. Mai einen neuen Landtag wählt, sind hier die höchsten Werte für die AfD zu erwarten. Von einem "Gefühl der sozialen Perspektivlosigkeit" spricht Sören Petermann, "verstärkt durch den verbreiteten Eindruck, Zuwanderer seien Konkurrenten um Arbeitsplätze".

Weit weg zu sein vom Zentrum, muss also nicht bedeuten, im Hochsauerland zu leben. Gelsenkirchen reicht völlig. Oder, wie Soziologe Petermann es ausdrückt: "Man kann sich auch in einer Großstadt abgehängt fühlen."

(fvo)
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