Paris: Sozialisten im Schatten Mitterands

Paris: Sozialisten im Schatten Mitterands

30 Jahre nach dem Wahlsieg des ersten sozialistischen Präsidenten feiert Frankreichs Linke überschwänglich das Erbe François Mitterands. Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 wollen sie an dessen Erfolge anknüpfen – wenn es ihnen bis dahin gelingt, ihre Reihen zu schließen.

Der König ist tot, es lebe der König. Über 15 Jahre nach seiner Beisetzung ist François Mitterrand dieser Tage in Frankreich allgegenwärtig: in Sondersendungen und Büchern, auf Zeitungstiteln, Briefmarken und T-Shirts. Mit 150 Veranstaltungen und einem Freiluftkonzert am Pariser Bastille-Platz gedachten gestern zahlreiche Franzosen des Wahlsiegs von Mitterrand vor 30 Jahren: Mit diesem wurde am 10. Mai 1981 zum ersten und bisher einzigen Mal in Frankreich ein Sozialist Präsident – ein Umbruch nach 23 Jahren konservativer Vorherrschaft.

Die Parti Socialiste (PS) hofft nun, diesen historischen Erfolg bei der Wahl im kommenden Jahr zu wiederholen. "Der 10. Mai erschien mir wie ein Donnerschlag. Als ob Frankreich das Lager der Gegner der Freiheit gewählt hätte", fasste der Schriftsteller Jean d'Ormesson einmal das Gefühl vieler Konservativer angesichts des damaligen Machtwechsels zusammen.

Während die Anhänger Mitterrands den neuen Präsidenten jubelnd auf den Straßen feierten und in Massen zum Bastille-Platz strömten, befürchteten etliche bürgerliche Franzosen tatsächlich, dass Paris zum neuen Gulag werden würde, mit sowjetischen Panzern auf den Champs-Elysées. "Doch Mitterrands politisches Geschick, seine Weisheit und Hartnäckigkeit haben es anders gewollt, wie viele habe ich mich getäuscht und freue mich darüber", so d'Ormesson weiter. Wie ihn fasziniert Mitterrand, der als "Sphinx" oder gar "Dieu" (Gott) in die Geschichte einging, seine rätselhafte Person, seine politische Leistung, die Franzosen bis heute. Wenngleich sich vor allem die sozial- und wirtschaftspolitischen Erwartungen vieler Bürger letztlich nicht erfüllten – immerhin steckte das Land in den 80er Jahren in einer schwierigen Wirtschaftssituation mit hoher Arbeitslosenquote und Inflation – setzte Mitterrand doch historische Reformen durch: So schaffte er etwa die Todesstrafe ab, verstaatlichte Schlüsselindustrien und Banken, führte einen Mindestlohn und Familienbeihilfen ein, dezentralisierte das Land und ließ Privatradios zu.

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Überdies hatte er es verstanden, die Linke, die anfangs keineswegs geschlossen hinter ihm stand, zu einigen. Heute ist es vor allem diese Leistung, die zahlreiche französische Sozialisten herausheben, ja geradezu heraufbeschwören. In einer Art "Mitterrandmania", gemischt mit Nostalgie, hofft die PS bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr auf eine ähnliche Dynamik wie 1981 und setzt darauf, nach 14 Jahren Opposition wieder die Macht zu übernehmen. Eigentlich stünden die Zeichen gut, Amtsinhaber Nicolas Sarkozy ist so unbeliebt wie nie. Doch für den ehemaligen Mitterrand-Berater Jacques Attali ist noch lange nichts entschieden. Er empfiehlt den Sozialisten, wenigstens schnell einen Spitzenkandidaten zu benennen. Denn noch ist nicht einmal klar, wer für die PS im kommenden Jahr ins Rennen gehen soll.

Um sich zu legitimieren, überbieten sich erklärte und potenzielle Anwärter schier im Anspruch auf Mitterrands politisches Erbe. "Mitterrand: Geist, bist du da?", fragte witzelnd die linksgerichtete "Libération" und zeichnete in einer Karikatur einen übergroßen Mitterrand umgeben von sich drängelnden sozialistischen Spitzenpolitikern. Am deutlichsten setzt dabei Ségolène Royal auf die Mitterrand-Karte. Royal, die bereits 2007 für das Präsidentenamt kandidierte und Sarkozy unterlag, feierte Mitterrands Wahlsieg vor 30 Jahren mit einer Großveranstaltung und würdigte dabei die "unerschütterliche Entschlossenheit" des vormaligen Staatschefs, der zweimal an den Toren des Elysée-Palasts gescheitert war, bevor es im dritten Anlauf schließlich klappte.

Ihr ehemaliger Lebensgefährte François Hollande, ein eingefleischter Bewunderer Mitterrands, steht ihr kaum nach. Wenn er spricht, erinnert manchmal sogar seine Gestik an sein großes Idol. "Auch ich habe einen langen Weg zurückgelegt", erklärte der vormalige Parteichef jüngst, "ich hoffe, dass 2012 einen Hauch von 1981 haben wird." Die besten Chancen aber, Sarkozy abzulösen, hätte Umfragen zufolge Dominique Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF). Für 56 Prozent der Anhänger aus dem linken Lager wäre er daher auch der geeignete sozialistische Spitzenkandidat, gefolgt von Hollande und Royal. Doch DSK, wie Strauss-Kahn in Frankreich genannt wird, hat seine Ambitionen noch nicht offiziell angemeldet. Sonst müsste er seinen Posten beim IWF umgehend räumen.

(RP)