Düsseldorf: Sorge vor neuer Öl-Krise wächst

Düsseldorf : Sorge vor neuer Öl-Krise wächst

Seit die arabische Revolte Libyen erreicht hat, herrscht Panik am Rohöl-Markt. Der Ölpreis hat bereits an der 120-Dollar-Marke gekratzt. Zwar können andere Staaten die Förder-Ausfälle ausgleichen. Doch die Angst geht um, dass die Revolution nun auch Saudi-Arabien erfassen könnte.

Ägypten, Tunesien, Bahrein – lange Zeit hatten die Revolten in den arabischen Ländern den Rohölmarkt kaum beeindruckt. Doch seit in Libyen Aufruhr herrscht, ist auch der Rohölmarkt in Aufruhr. Am vergangenen Donnerstag war der Ölpreis binnen Stunden um zehn Prozent auf fast 120 Dollar je Fass (159 Liter) in die Höhe geschnellt. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 lag er bei 40 Dollar.

Wie kann es sein, dass der Markt plötzlich reagiert? Libyen spielt auf dem globalen Ölmarkt schließlich nur eine kleinere Rolle. Das Land trägt nur zwei Prozent zur täglichen Ölförderung der Welt bei. In seinem Boden liegen nur gut vier Prozent der weltweiten Reserven (Grafik). Pro Tag fördert allein der Iran doppelt so viel Öl wie Libyen. Und auch Deutschland bezieht nur acht Prozent seine Öl-Importe aus dem nordafrikanischen Land. Was Libyen so bedeutend macht, ist seine politische Schlüsselrolle. Wenn Muammar Gaddafi fällt, jener Schurke mit den vielen Gesichtern und den vielen Leben, dann scheint in der arabischen Welt alles möglich zu sein. Auch, dass der revolutionäre Funke auf Saudi-Arabien überspringt. Und genau das ist die große Sorge, die für die Kapriolen am Ölmarkt sorgt.

In Saudi-Arabien liegt ein Viertel der weltweiten Öl-Reserven. Und schon heute ist es der größte Öl-Förderer der Welt. Das Land kann jederzeit seine Fördermenge hochfahren, um den Ausfall in anderen Staaten auszugleichen. Und so beruhigte es auch prompt die Märkte etwas, als Saudi-Arabien am Freitag versprach: "Wenn es einen Lieferengpass gibt, wird er von der Opec beseitigt." Die Opec ist die Organisation der erdölexportierenden Länder, in der Saudi-Arabien den Ton angibt. Die Opec steuert 40 Prozent der täglichen Öl-Förderung und kontrolliert 80 Prozent der weltweiten Reserven. Gestern wiederholten Opec-Staaten das Versprechen, es werde keine Liefer-engpässe geben.

Bislang ist Öl auf dem Weltmarkt noch nicht knapp. Auf dem Markt herrscht eine Ölpreiskrise, aber keine Ölkrise, wie es beim Erdöl-Informationsdienst (EID) treffend heißt. Händler und Industriekunden kaufen offenbar massenhaft Öl auf Vorrat, weil sie fürchten, dass es künftig Lieferengpässe geben wird. Das erhöht den Preis, obwohl das Öl gar nicht knapp ist und jeder so viel bekommt, wie er nachfragt. Anleger, die auf steigende Ölpreise spekulieren, heizen über ihre Termingeschäfte die Teuerung zusätzlich an. Zu einer echten Ölkrise könnte sich die Lage auswachsen, wenn die Revolte auch auf Saudi-Arabien und den Iran übergreift, sagt Eugen Weinberg, Rohstoff-Analyst bei der Commerzbank. Wenn hier die Förderung zeitweise oder dauerhaft eingeschränkt wird, bekommt die Weltwirtschaft ein Problem.

Der saudische König Abdullah scheint eine solche Entwicklung nicht für unmöglich zu halten. Überraschend erhöht er die Löhne für Staatsdiener, will alle befristeten Stellen im Staatsdienst in Festanstellungen umwandeln und erleichtert Bau-Kredite, wie seine Nachrichtenagentur gestern meldete. Dafür gibt er 26 Milliarden Euro aus. Zudem kündigte er bis 2014 weitere Investitionen in Schulen, Straßen und Kliniken an. Ob das reicht, um den Unmut der Bevölkerung zu beseitigen, ist fraglich. Für den 11. März sind Kundgebungen gegen die saudischen Herrscher angekündigt.

Schon jetzt hat der steigende Ölpreis das Benzin an deutschen Tankstellen in die Höhe schnellen lassen. In manchen Städten müssen Autofahrer bereits 1,57 Euro pro Liter Superbenzin bezahlen. Die Lage in Arabien umtreibt auch die deutschen Hausbesitzer. Die Nachfrage nach Heizöl zog kräftig an, obwohl der Preis hoch und der Winter fast vorbei ist. "Viele Kunden fürchten, dass das Öl angesichts der arabischen Krise noch teurer wird", so Rainer Wiek vom EID.

Nach einer Studie der Deutschen Bank würde ein dauerhafter Rohölpreis von 120 Dollar und mehr zum Wendepunkt für die Weltkonjunktur werden: Der Aufschwung, mit dem die Welt die Wirtschaftskrise 2008/2009 hinter sich gelassen hat, würde jäh beendet werden.

Die Welt hat aus der Ölkrise Anfang der 70er Jahre gelernt, als die Opec-Staaten gezielt die Ölmenge verknappten. Die Energieversorgung steht heute auf mehr Beinen. Doch im Zuge der Globalisierung ist die Bedeutung der Exportwirtschaft, auch in Deutschland, stark gestiegen. Wer Waren exportiert, muss sie auch transportieren – und das kostet Energie. Deshalb würde eine neue Ölkrise die Weltwirtschaft hart treffen: Energie und Rohstoffe würden teurer. Notenbanken müssten die Zinsen erhöhen, um eine Inflation zu verhindern. Die Weltwirtschaft entscheidet sich auch in Saudi-Arabien.

(RP)
Mehr von RP ONLINE