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So ist Merkel – basta!

So ist Merkel – basta!

Zur traditionellen Zwischenbilanz vor der Hauptstadtpresse verblüfft die Bundeskanzlerin mal wieder mit ihrem unerschütterlichen Optimismus, mit Schlagfertigkeit und – ja, auch, mit "Leidenschaft".

Berlin Angela Merkel ist in puncto "Basta!" eigentlich das Gegenteil ihres Amtsvorgängers Gerhard Schröder. Der mochte es oft schroff, klar und kurz. Sie dagegen lässt es gerne laufen. Und ein "Basta!" ist ihr höchstens mal in ironisch-persiflierender Absicht über die Lippen gekommen. Dabei scheint sie innerlich, zumindest was ihre eigene Person anbelangt, genau dazu zu neigen. Jedenfalls lässt sich aus ihrem 95-minütigen Ritt durch alle aktuellen Themen vor der Bundespressekonferenz mal wieder vor allem der eine rote Faden finden: So bin ich eben. Basta!

Sie könnte auch anders. Auf den Punkt gebrachte Botschaften, die für Regierungserfolge werben. "Deutschland geht es so gut wie lange nicht", sagt sie und blickt wieder aufs Blatt. "Wir werden die Schuldengrenze nicht nur einhalten, sondern unterschreiten", sagt sie und blickt wieder aufs Blatt. "Damit erarbeiten wir uns Spielräume für maßvolle Steuererleichterungen zum 1. 1. 2013", sagt sie, und blickt wieder aufs Blatt. "Der Euro ist gut für uns", sagt sie und ist allmählich am Ende des Manuskripts angekommen.

Die Kanzlerin wirkt dabei angespannt. Aber nicht so, als wäre ihr stets bewusst, dass jetzt gerade Millionen Zuschauer live verfolgen, welches Zeugnis sie sich selbst im Saal der Bundespressekonferenz gibt. Dass es jetzt darauf ankäme, die negative Stimmung, die Unbeliebtheit in den Umfragen mit Anlauf umzudrehen. Sie wirkt mehr wie eine, die auf den letzten Metern vor dem ersehnten Urlaub liegt und sich jetzt noch mal ein wenig konzentrieren muss. Ist halt mein Job, auch mal im Scheinwerferlicht zu stehen. Dann mal los!

Merkel mag diese Tradition: kurz vor dem Abtauchen in den Urlaub noch mal die Hauptstadtpresse verblüffen. Die Medienleute wähnen doch gewiss wieder eine von Stress, Dramatik und vernichtender Kritik zerfressene, hoffnungslos urlaubsreife Merkel vor sich. Sie erwarten, dass sie sich von ihrer besten Seite zu zeigen versucht und dabei hoffentlich Nerven zeigt. Und dann erleben sie tatsächlich wieder eine jovial, schlagfertig und selbstironisch Selbstsicherheit ausstrahlende Regierungschefin, die den Problemen nicht ausweicht, sondern sie vielmehr plaudernd beherrschbar erscheinen lassen will.

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Schon Mimik und Gestik lassen den Verdacht zu, dass äußere Argumente und innere Empfindungen übereinstimmen. Man müsse "schauen, wie sich die Gegner von Stuttgart 21 verhalten", sagt Merkel und blickt suchend an die Decke. Wenn sie die "strengen Bedingungen" beschreibt, präzisiert sie das mit zusammen gepresstem Daumen und Zeigefinger.

Wenn sie sagt, dass auch ein europäischer Finanzminister nicht in die Rentenreformen einzelner Länder eingreifen könne, und sie diesen Gedanken also vehement ablehnt, dann hat sie in diesem Augenblick die Rechte zur Faust geballt. Und wenn sie von "harten Beschlüssen für Griechenland" spricht, dann klopfen gleich zwei Fäuste gegeneinander.

Wie wichtig Merkel ist, was sie selbst schon im Februar 2010 zu Griechenland gesagt hat, beweist der dabei für Sekundenbruchteile hochgeschnellte erhobene Zeigefinger. Und an der Stelle, an der sie nur ausweichend zur Kampfpanzerlieferung an Saudi-Arabien und den "Abwägungen" spricht, gibt es konsequenterweise auch keine Handbewegung und völlig unbewegliche Gesichtszüge. Aus der Reserve locken lässt sich diese Kanzlerin nicht. Wenn sie partout nichts zu einer weiteren Amtszeit sagen will, dann wiederholt sie wirklich nur, dass ihr die "Arbeit Spaß macht" und "nicht abzusehen" sei, "dass sich das kurzfristig ändert".

War es für sie nicht ein wirklich schreckliches Jahr, will ein britischer Journalist wissen: Fukushima! Griechenland! Alle Wahlen verloren! Merkel schaut ernst. Aber auch entschlossen. Es sei ein "anspruchsvolles Jahr" gewesen, lautet ihre Formulierung. Als Regierungschefin sei sie ja dazu da, solche Herausforderungen anzunehmen. Dann ihr kurzer Werkstattbericht: "Das ist sehr interessant, sehr fordernd, ja spannend."

Die erfahrene Wahlkämpferin bleibt misstrauisch, was das Angebot der SPD zur Zusammenarbeit auch bei unpopulären Euro-Beschlüssen anbelangt. Sie "finde das auch okay", sagt sie, erinnert daran, dass die SPD in der Vergangenheit stets doch noch einen Grund gefunden hätte, nicht mitzustimmen, und berichtet im Übrigen, dass sie selbst es gewesen sei, die in Sachen Zusammenarbeit mit der Opposition "ganz konkrete Taten aufgenommen" habe.

Da ist es wieder, das verschwurbelte Merkel-Deutsch, das immer dann zu hören ist, wenn bei ihr zwischen dem Denken, Formulieren und Sprechen die Filter fallen, weil sie in ihrem Element ist. Dann fällt sie ins Uckermärkische, will sich "noch ma erkundijen" oder macht für die Regierung klar: "Jetzt arbeiten wa einfach mal weita."

Die Frage nach ihrer Leidenschaft für Europa löst Gelächter aus, als Merkel nur kurz sagt: "Ach so, Leidenschaft". Sie legt ein Glaubensbekenntnis für Europa ab, zitiert aus den Römischen Verträgen ("Wir sind zu unserem Glück vereint"), spricht von dramatischen Folgen aktueller falscher Weichenstellungen und stellt dann zusammenfassend fest: "Wenn ich für alles so viel Leidenschaft hätte wie für Europa, dann könnte ich meinen Tag mit 48 Stunden füllen."

Sie fügt hinzu, das sei "also" ihre Leidenschaft, sozusagen "die Merkel'sche Art der Leidenschaft, und die ist ziemlich intensiv". Das klingt fast so, als hätte sie "Basta!" gesagt.

(RP)