Istanbul: Sieben Minuten lang schießt der Täter um sich

Istanbul : Sieben Minuten lang schießt der Täter um sich

Der Anschlag auf einen Istanbuler Club erinnert an das Massaker im Pariser "Bataclan". War der Hass auf westliche Bräuche ein Motiv?

Es ist kurz vor halb zwei Uhr Ortszeit in der Silvesternacht, und im "Reina" geht es hoch her. In dem edlen Club am Bosporus-Ufer im Istanbuler Stadtteil Ortaköy feiern 600 Gäste mit Champagner, Wein und Whisky das neue Jahr. Das "Reina" ist so teuer, dass ein schöner Abend hier mehr kosten kann, als ein normaler Türke im Monat verdient. Manche Gäste kommen nicht mit dem Wagen zum Club, sondern mit ihrer Jacht. Türsteher und Sicherheitsleute sollen die Spielwiese der Schickeria schützen, aber sie können nicht verhindern, dass sich die Neujahrsparty in einen blutigen Albtraum verwandelt.

Während drinnen gefeiert wird, rennt draußen ein Angreifer mit einem Schnellfeuergewehr auf den Eingang des "Reina" zu. Manche Augenzeugen sagen, er habe ein Weihnachtsmannkostüm getragen, doch Ministerpräsident Binali Yildirim wird das später dementieren. Der Unbekannte erschießt einen Polizisten und einen weiteren Menschen und läuft, wild um sich feuernd, ins Innere des Clubs. Menschen schreien, stürzen blutend zu Boden. Eine Frau berichtet, sie habe nur überlebt, weil mehrere Leichen auf ihr lagen. Einige Gäste springen ins eiskalte Wasser des Bosporus, um sich zu retten.

Überlebende sagen später, der Angreifer habe etwas auf Arabisch gerufen, doch sicher ist das nicht. Als das Magazin des Täters nach den sieben schrecklichen Minuten leergeschossen ist, sind fast 40 Menschen tot und mehr als 60 weitere verletzt. Obwohl Hunderte Polizisten am Tatort zusammengezogen werden, kann der Attentäter entkommen.

Auch 17.000 Polizisten, die zum Jahreswechsel in Istanbul im Einsatz waren, hatten den Anschlag nicht verhindern können. Nach einem Jahr, das mit dem Tod von zwölf deutschen Touristen beim Anschlag des Islamischen Staates (IS) in der Istanbuler Altstadt im Januar begonnen hatte, begann auch 2017 am Bosporus mit einem Blutbad. Im "Reina" weist erneut alles auf die Täterschaft eines Extremisten hin, der westliche Neujahrsfeiern als unislamisch bekämpfen wollte. Völlig aus heiterem Himmel kommt das freilich nicht.

Seit etwa 20 Jahren ist es in der Türkei üblich geworden, das neue Jahr mit christlichem Weihnachtsschmuck zu feiern. Ebenso lange gibt es dagegen schon Proteste nationalistischer Randgruppen. Neu ist aber, dass diese Kreise staatliche Rückendeckung bekommen. Nationalistische Gruppen agitierten im ausgehenden Jahr so aggressiv wie noch nie gegen Neujahrsfeiern. Ein in Istanbul plakatiertes Transparent zeigte einen Muslim mit Fez, der einem Weihnachtsmann einen Kinnhaken verpasst. Im westtürkischen Aydin hielten nationalistische Demonstranten einem als Weihnachtsmann verkleideten Mann eine Waffe an den Kopf. Aber auch staatliche Stellen beteiligten sich an der Propaganda gegen Neujahrsfeiern, die in einer Direktive des Bildungsministeriums als "wertfremd" bezeichnet wurden. An verschiedenen staatlichen Schulen gab es behördliche Anweisungen, auf allen Neujahrsschmuck und alle Neujahrsfeiern zu verzichten. An einem deutschsprachigen Gymnasium in Istanbul kam es sogar zum Eklat, weil dort eine ähnliche Anordnung erlassen wurde.

Sogar in der zentralen Freitagspredigt, die vom staatlichen Religionsamt verfasst und am vorletzten Tag des Jahres in allen Moscheen des Landes verlesen wurde, warnte der türkische Staat offen vor Neujahrsfeiern. Es sei "bedenklich, die ersten Stunden des neuen Jahres auf Bräuche zu verschwenden, die anderen Kulturen und anderen Welten angehören", hieß es in der Predigt.

Der Journalist Ahmet Sik warnte zehn Tage vor dem Angriff auf das "Reina" öffentlich davor, die Kampagne gegen Neujahr auf die leichte Schulter zu nehmen. "Es wäre sinnvoll, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen", schrieb Sik. Wenig später wurde er verhaftet - ihm wird Terrorpropaganda vorgeworfen. Vor diesem Hintergrund sei der Istanbuler Neujahrsanschlag als "Demonstration des Hasses" zu verstehen, schrieb der Politologe Dogu Ergil auf Twitter. "Das sind die Folgen, wenn einer Gesellschaft so viel Feindseligkeit gegen andere Kulturen eingeimpft wird."

Zwar verurteilte das Religionsamt Diyanet den Anschlag aufs Schärfste. "Es macht keinen Unterschied, ob diese barbarische Tat in einem Basar oder in einem Gotteshaus oder in einem Ort der Unterhaltung ausgeführt wird", hieß es in einer Mitteilung seines Chefs Mehmet Görmez. Auch die Regierung drückte ihr Entsetzen aus. Doch von Selbstkritik ist nichts zu spüren. Stattdessen verbreiteten Minister und Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan krude Verschwörungstheorien. Vizepremier Numan Kurtulmus schob die seit 2015 anhaltende Terrorwelle in seinem Land auf nicht genauer bezeichnete Kräfte, die den Aufstieg der Türkei verhindern wollten. Und Turgay Güler, Chefredakteur der regierungsnahen Zeitung "Günes", zeigte sich sicher, dass nicht islamistische Extremisten hinter dem Anschlag stecken, sondern feindliche Mächte: "Der Schuldige heißt Amerika."

(RP)
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