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Tel Aviv: Selbstverbrennung – Sozialprotest in Israel eskaliert

Tel Aviv : Selbstverbrennung – Sozialprotest in Israel eskaliert

Die Demonstrationen sollten ein feierlicher Einstieg ins zweite Jahr der israelischen Sozialbewegung werden. Sie endeten in einer Katastrophe. Seit Samstag kämpft ein 58-jähriger Obdachloser aus Haifa ums Überleben. Aus Verzweiflung über seine finanzielle Lage hatte er sich während des Protests Benzin über die Kleidung gegossen und sich in Brand gesteckt. Demonstranten, die mit ihm den Jahrestag des Beginns der Demonstrationen begehen wollten, löschten das Feuer.

Ende Juli 2011 war die Filmstudentin Dafni Lief mit ihrem Zelt auf den Rothschild-Boulevard mitten in Tel Aviv gezogen, um gegen eine dramatische Mieterhöhung zu protestieren. Binnen Tagen wurde aus dem einen Zelt eine ganze Zeltstadt. Mit dem Slogan "Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit" gingen schließlich fast eine halbe Million Menschen auf die Straßen und protestierten gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Nach Angaben der Polizei nahmen am Samstag nur noch etwa 2000 Demonstranten an den beiden Märschen in Tel Aviv teil. Organisatoren und Teilnehmer nannten deutlich höhere Zahlen. Auch in Jerusalem, Haifa und Beerscheba demonstrierten Menschen.

Viel erreicht hat die Protestbewegung bis heute allerdings nicht. Das Schicksal des 58-Jährigen steht symbolisch für die, deren Zelte von den großen Protesten übrig geblieben sind: die ganz Armen des Landes. "Der Staat hat mich beraubt und mittellos zurückgelassen", steht auf den Flugblättern, die der Mann vor seiner Selbstverbrennung unter den Demonstranten verteilte. Sein sozialer Abstieg begann demnach vor zwölf Jahren. Damals war er noch Chef eines Zulieferungsunternehmens. Dann jedoch machte ihm das Finanzamt Probleme. Eine Steuerschuld von zunächst umgerechnet nur etwa 3000 Euro wuchs über Zahlungsversäumnisse und Strafgebühren auf für ihn nicht mehr tragbare Summen. Die Behörden konfiszierten die Firma; der ehemalige Unternehmer musste sich fortan als Taxifahrer seinen Lebensunterhalt verdienen, bis ihn ein Hirnschlag traf. Seither lebte er von umgerechnet weniger als 500 Euro Sozialleistungen im Monat. In diesen Tagen stand er unmittelbar vor dem Rauswurf aus seiner Wohnung.

Regierungschef Benjamin Netanjahu sprach von einer "großen persönlichen Tragödie". Der Fall soll von den Behörden geprüft werden. Gestern zogen einige Dutzend Demonstranten aus Solidarität vor die Büros des Wohnungsministeriums in Haifa. "Ursache Armut" stand auf einem der Plakate.

(RP)