Zürich: Schweiz schickt Euro auf Talfahrt

Zürich : Schweiz schickt Euro auf Talfahrt

Die Eidgenossen kapitulieren vor der Europäischen Zentralbank und schaffen das Wechselkursziel ab. Der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit 2003. Schweiz-Urlaube werden nun um ein Sechstel teurer.

Die Schweizer Notenbank (SNB) hat gestern die Börsen weltweit in Aufruhr versetzt: Völlig überraschend gab sie die langjährige feste Koppelung des Schweizer Franken an den Euro auf. Drei Jahre lang hatte sie dafür gesorgt, dass der Euro nicht unter 1,20 Franken fällt, um die eidgenössische Exportwirtschaft zu schützen. Doch weil es wegen der Euro-Schwäche immer teurer wurde, diese Grenze zu verteidigen, gab die Notenbank diese Mindestgrenze gestern Vormittag auf.

Der Euro stürzte um ein Drittel ab und fiel zeitweise auf ein Rekordtief von 0,85 Franken. Später erholte der Kurs sich wieder etwas auf einen Franken. Das löste auch in den Schweizer Banken kurzzeitig chaotische Zustände aus. Die Geldhäuser stellten zeitweise die Ausgabe von Euro-Scheinen ein. Bei manchen Großbanken wie der UBS kamen Kunden nicht mehr ins Online-Banking. "Das hat eingeschlagen wie eine Bombe", sagte Christian Schulz von der Berenberg Bank.

Für deutsche Touristen werden Schweiz-Urlaube noch teurer als bisher: Hotels und Skipässe kosten auf einen Schlag ein Sechstel mehr. Auch Uhren und Maschinen made in Switzerland verteuern sich entsprechend. "Was die SNB da veranstaltet, ist ein Tsunami für den Tourismus und die Exportindustrie", sagte Nick Hayek, Chef des Uhren-Herstellers Swatch.

An der Schweizer Börse brachen die Kurse vor allem der exportstarken Unternehmen wie Swatch oder des Luxusgüter-Herstellers Richemont ein. Die Unternehmen insgesamt verloren binnen Minuten insgesamt 140 Milliarden Franken an Börsenwert. Das entspricht der Wirtschaftsleistung der gesamten Schweiz in einem Quartal. Die Schweizer Unternehmen exportieren bislang 60 Prozent ihrer Produktion in den Euro-Raum. Durch die Franken-Aufwertung werden die Schweizer Produkte nun teurer und schwer verkäuflich. Der deutsche Börsenindex Dax brach kurzzeitig um 1,7 Prozent ein, stieg dann aber auf über 10 000 Punkte.

Im Sog der Schweizer Entscheidung ging der Euro auch gegenüber der amerikanischen Währung weiter auf Talfahrt: Er fiel auf 1,15 Dollar. Das ist der tiefste Stand seit dem Jahr 2003. Die Analysten der Deutschen Bank erwarten, dass der Euro bis Ende des nächsten Jahres auf einen Dollar fällt.

Mit der heftigen Reaktion der Finanzmärkte hatte die Schweizer Notenbank offenbar nicht gerechnet. Denn sie hatte die Märkte nicht, wie es sonst bei solch radikalen Maßnahmen üblich ist, durch Ankündigungen vorbereitet. Gleichwohl hat die SNB den Zeitpunkt nicht zufällig gewählt. In der nächsten Woche entscheidet die Europäische Zentralbank (EZB) über den Ankauf von Staatsanleihen, um bis zu einer Billion Euro neues Geld in den Markt zu pumpen. Das hätte die Schweizer gezwungen, ihrerseits Milliarden Franken in den Markt zu pressen, um die Grenze von 1,20 Franken zu halten. Das wäre nur gelungen, wenn die Schweizer Währungshüter noch mehr Anleihen aus Euro-Ländern gekauft hätten. Schon jetzt ist die Schweiz der größte Gläubiger Deutschlands.

Ökonomen kritisierten die Nacht- und Nebel-Aktion. "Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend", hieß es bei der Helaba. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, lobte den Schritt: "Die Entscheidung war überfällig." Mit der Wechselkurspolitik habe die Notenbank lediglich die Schweizer Exporteure geschützt.

(RP)
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