Schummelte auch Dr. Koch-Mehrin?

Schummelte auch Dr. Koch-Mehrin?

Nach Guttenberg hat nun auch die FDP ihre Abschreib-Affäre: Bei der Dissertation der Europa-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wurden Internetjäger fündig. Die Liberale soll ganze Passagen ohne Quellenangabe kopiert haben. Dabei wurde sie als mögliche Rösler-Stellvertreterin gehandelt.

Brüssel/Berlin Sie war im Europa-Wahlkampf das Gesicht der FDP. Deutschlandweit strahlte Silvana Koch-Mehrin von den Plakaten. Ihre Botschaft: nicht nur schön, sondern auch klug. Und dafür trugen alle Plakate den Doktor-Titel als zweiten Blickfang. Doch damit hat die Vizepräsidentin des Europa-Parlaments ein Problem: Nach Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist nämlich nun auch ihre Doktorarbeit bei eifrigen Internetrechercheuren aufgefallen. Gleich zwei Dutzend Plagiate waren auf Anhieb zu entdecken. Mit den Vorwürfen konfrontiert, macht Koch-Mehrin etwas, das so gar nicht zu ihrem bisherigen öffentlichen Auftreten passt: Sie schweigt.

Denn medienscheu ist die 40-Jährige gewöhnlich nicht: Die "Miss Europa" der FDP sucht das Scheinwerferlicht und hat auch kein Problem damit, andere unter Generalverdacht zu stellen. So erweckte sie in einem Interview den Eindruck, männliche EU-Abgeordnete nähmen in Straßburger Sitzungswochen des EU-Parlamentes Dienste von Prostituierten in Anspruch, was der französischen Stadt intern den Titel "Strapsburg" eingebracht hat. Selbst ihren Babybauch trug die Mutter von inzwischen drei Kindern in bunten Boulevard-Blättchen zur Schau.

Vergangene Woche sonnte sie sich im Blitzlichtgewitter in Berlin, als sie dem scheidenden Parteichef Guido Westerwelle, ihrem "Entdecker", einen Blumenstrauß überreichte. Sie schien auch den Wechsel von Westerwelle zu Philipp Rösler unbeschadet in der FDP-Führung zu überstehen. Mehr noch: Intern wurde sie als mögliche Kandidatin für einen der Parteivize-Posten gehandelt. Deshalb wiegen die jüngsten Enthüllungen umso schwerer. "Das ist saupeinlich", meinte ein führender Liberaler.

Der Stein des Anstoßes ist eine relativ schmale Dissertation von 227 Seiten zum Thema "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik", in der sich Koch-Mehrin im Jahr 2000 mit der lateinischen Münzunion beschäftigte. Sie bekam dafür von der Philosophischen Fakultät der Heidelberger Ruprecht-Karls-Universität die drittbeste Note "cum laude". Die Internet-Plattform "VroniPlag Wiki" listete gestern Nachmittag bereits 27 Seiten mit bestätigten oder vermuteten Plagiaten auf. Das sind Formulierungen, Sätze oder ganze Passagen, die offensichtlich aus anderen Werken kopiert wurden, ohne die Quelle auch wissenschaftlich korrekt kenntlich zu machen. Bezogen auf den Haupttext der Arbeit sind das bereits mehr als 13 Prozent der Doktorarbeit. Dabei "bediente" sich Koch-Mehrin unter anderem bei renommierten Historikern und deren einschlägigen Werken.

Koch-Mehrins Sprecher verweist auf die Uni Heidelberg. Der damalige Doktorvater Volker Sellin ist mittlerweile emeritiert und hält sich derzeit im Ausland auf. "Er ist ebenso informiert wie der Dekan. Wir prüfen die Vorwürfe so schnell wie möglich, aber auch mit der gebotenen Sorgfalt", bestätigte Universitäts-Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch gestern gegenüber unserer Zeitung. Im weiteren Verfahren werde auch Koch-Mehrin selbst zu den Vorwürfen angehört.

Wie es mit der Karriere der Vorzeige-Liberalen nun weitergeht, hängt auch von ihren Erklärungen ab. Eine gemischte Stimmung herrscht in ihrem baden-württembergischen Landesverband. Der hatte zwar auch von den Ambitionen Koch-Mehrins auf einen der herausragenden Plätze an der Parteispitze gehört, für die Vorstandswahlen beim Parteitag Mitte Mai jedoch Birgit Homburger kraft ihres Amtes als Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion und Entwicklungsminister Dirk Niebel für einen Beisitzer-Posten vorgeschlagen.

Beim politischen Gegner in Brüssel wurden erste Rücktrittsforderungen laut. "Solange die Vorwürfe nicht bewiesen sind, gilt Frau Koch-Mehrin als unschuldig. Wenn sie aber betrogen hat, kann sie ihr Amt als Vize-Präsidentin des Europaparlaments nicht länger ausüben", so Werner Langen, Chef der EU-Abgeordneten von CDU/CSU, gegenüber unserer Zeitung.

Als die ersten Plagiate in der Doktorarbeit des seinerzeitigen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg öffentlich geworden waren, hatte dieser den Verdacht umgehend als "abstrus" zurückgewiesen. Daraufhin hatten sich seine Parteifreunde um ihn geschart. Das Schweigen Koch-Mehrins hingegen beflügelte FDP-Politiker nicht, sich an die Seite der prominenten Liberalen zu stellen. "Abwarten", lautete die Devise. Niemand wollte sich auf eine Äußerung einlassen. Gerade erst hatte Koch-Mehrin in einem Boulevard-Interview ihr persönliches Erfolgs-Rezept für eine stärkere FDP enthüllt: Die Liberalen müssten weiblicher werden. Frau Doktor könnte jedoch in einen Konflikt geraten. Denn der künftige Parteichef Rösler will, dass die FDP vor allem vertrauenswürdiger wird.

(RP)
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