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Stuttgart: Schleyer-Familie vergibt Helmut Schmidt

Stuttgart : Schleyer-Familie vergibt Helmut Schmidt

Es ist eine Geste der Vergebung: Helmut Schmidt (94) ist gestern in Stuttgart mit dem Preis der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung ausgezeichnet worden. Vorgeschlagen hatte den Altkanzler Hanns-Eberhard Schleyer, Sohn des 1977 von der RAF verschleppten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Die Ehrung hat deshalb so viel symbolische Wucht, weil sich die Regierung Schmidt während des "Deutschen Herbstes" geweigert hatte, auf die Forderungen der Entführer einzugehen. Die Terroristen wollten die erste RAF-Generation aus dem Gefängnis in Stuttgart-Stammheim freipressen. Neben Schleyer benutzten sie die von einem palästinensischen Terror-Kommando entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" als Druckmittel.

Schmidt blieb hart, ließ die Anti-Terror-Einheit GSG 9 am 18. Oktober in Mogadischu das Flugzeug stürmen und die Geiseln befreien. In derselben Nacht nahmen sich die inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben. Wenige Stunden später wurde Schleyer ermordet. Die Bilder von der Trauerfeier, bei der Schmidt wie versteinert neben der Schleyer-Witwe Waltrude saß, gingen um die Welt. "Ich muss das akzeptieren, aber verstehen kann ich es nicht", sagte sie später über die Entscheidung der Regierung.

Zu den damaligen Ereignissen erklärte Schmidt gestern Abend: "Wohl aber ist mir sehr klar bewusst, dass ich – trotz aller redlichen Bemühungen – am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin. Denn theoretisch hätten wir auf das Austauschangebot der RAF eingehen können." Von der Ehrung sei er "tief berührt".

Dass der Sohn des Ermordeten Schmidt vorgeschlagen hat, wiegt um so schwerer als der damals 31-jährige Hanns-Eberhard Schleyer 1977 versucht hatte, mit Hilfe der Richter in Karlsruhe den Kanzler zum Einlenken zu zwingen – vergeblich. Der "Süddeutschen Zeitung" sagte er: "Wenn meine Mutter noch gelebt hätte, wäre eine solche Entscheidung, wie den Preis an Helmut Schmidt zu vergeben, sehr schwer gewesen." Waltrude Schleyer starb 2008.

In der Begründung für die Ehrung Schmidts heißt es mit Blick auf das Jahr 1977: "Die Unausweichlichkeit entscheiden zu müssen, forderte besonders von ihm persönlich in kaum vorstellbarem Maße Abwägung, Gewissensprüfung und Mut."

(maxi)