Schlacht um den Tahrir-Platz

Schlacht um den Tahrir-Platz

Unterstützer von Ägyptens Präsident Hosni Mubarak haben die Regime-Gegner in Kairo angegriffen und damit stundenlange Straßenschlachten provoziert. Die Armee ließ die Gewalttäter zunächst gewähren. Experten vermuten, dass die Staatsmacht selbst hinter der Eskalation steckt.

Kairo (RP) Gegen Mittag gerät die Situation auf dem Tahrir-Platz (Platz der Befreiung) in Kairo außer Kontrolle. Wie in den vorangegangenen Tagen haben auch gestern Tausende Gegner des Regimes von Ägyptens Präsident Hosni Mubarak den wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Zentrum der Hauptstadt als Ausgangspunkt für ihre Proteste gewählt. Doch ähnelten die früheren Demonstrationen mehr einem friedlichen Volksfest, kippt gegen 14 Uhr Ortszeit die Stimmung, und das blutige Chaos nimmt seinen Lauf: Den Oppositionellen stellen sich gewaltbereite Sympathisanten von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei entgegen – mindestens 3000 sollen es Agenturangaben zufolge sein. Medien berichten, dass sich unter ihnen mit Schlagstöcken bewaffnete Sicherheitskräfte in Zivil befinden. Die Opposition wird sie später als "bezahlte Schläger" bezeichnen, während das Innenministerium nachdrücklich dementiert, dass es sich bei den Bewaffneten um Sicherheitskräfte handelt. Die Regimegegner bewaffnen sich nun ebenfalls mit Knüppeln. Erste Steine und Flaschen fliegen.

Im Laufe des Nachmittags spitzt sich die Lage rund um den Tahrir-Platz dramatisch zu. Vereinzelt sind Schüsse zu hören. Augenzeugen berichten, dass Mubaraks Unterstützer auch Tiere gegen die Demonstranten einsetzen. Auf Pferden und Kamelen sowie mit Pferdefuhrwerken sollen sie in die Menge geritten und gefahren sein. Der Sender Al Dschasira meldet zudem, ein Journalist von Al Arabija sei niedergestochen worden. Auf dem Platz der Befreiung sind inzwischen viele Menschen mit blutigen Gesichtern zu sehen.

Die Armee schaut dem Ausbruch der Gewalt zunächst tatenlos zu. Nur einige Militärs versuchen noch, einen Korridor mit Hilfe von gepanzerten Fahrzeugen zwischen den beiden Gruppen zu schaffen. Doch auch das kann die Kontrahenten nicht trennen. Die Soldaten am Platz verschanzen sich deshalb im Laufe des Nachmittags in den Panzern, die an den Zugängen zum Platz postiert sind.

Am Morgen noch hatte das Militär die Demonstranten dazu aufgerufen, nach Hause zu gehen. Ein Militärsprecher sagte, die Botschaft der Demonstranten sei angekommen, ihre Forderungen seien bekannt. Jetzt müsse das normale Leben im Land wiederhergestellt werden.

Angekommen ist diese Botschaft wohl nicht. Immer wieder brechen Demonstranten mit Hilfe von Eisenstangen Steine aus dem Pflaster heraus, befüllen Plastiksäcke mit den Wurfgeschossen und tragen sie zurück zum Platz. Am Nachmittag explodieren die ersten Tränengasgranaten. Weiße Rauchwolken steigen in den Himmel über Kairo auf. Ob die Armee die Granaten in die Menge abgefeuert hat, ist unklar. Von einem Gebäude gegenüber dem am Tahrir-Platz gelegenen Nationalmuseum werfen Mubarak-Anhänger Stühle und Steinbrocken auf die Regime-Gegner. Auch Kühlschränke sollen in die Menschenmasse der Opposition geschleudert worden seien. Augenzeugen beschreiben die Lage bei Einbruch der Dämmerung immer noch als bürgerkriegsähnlich.

Zu diesem Zeitpunkt ist immer noch kein Polizist auf dem Tahrir-Platz zu sehen. Am frühen Abend berichtet der Sender CNN, dass Angehörige der Streitkräfte auf den Platz vorrücken, um die Ordnung wiederherzustellen. Der Sender zeigt Bilder von Wasserwerfern im Einsatz. Doch es gelingt der Armee augenscheinlich nicht, die Lage unter ihre Kontrolle zu bringen: Von einem Gebäude werden Molotow-Cocktails in die Menge geworfen. Barrikaden werden errichtet. Nach Angaben des Senders Al Dschasira bricht durch einen Brandsatz auch im Nationalmuseum ein Feuer aus. Augenzeugen berichten, dass sich die Armee daraufhin doch zu einem entschiedeneren Vorgehen gegen die Anhänger Mubaraks entscheidet und damit droht, auf die Angreifer zu schießen. Die Drohungen verfehlen ihr Ziel: Molotow-Cocktails werden nun auch gegen zwei Panzer geschleudert.

Völlig gewaltfrei laufen dagegen die Kundgebungen für den angeschlagenen Machthaber Mubarak im Kairoer Novelviertel Mohandiseen. "Wir lieben dich Mubarak!" rufen Teilnehmer. An der Protestaktion nehmen neben gut gekleideten Männern und Frauen auch Regierungsmitarbeiter und ein Dutzend Krankenschwestern teil. Bei ihnen handelt es sich nach eigenen Angaben um Mitglieder der Mittelklasse und Arbeiterschicht, deren Lebensumstände sich unter der Herrschaft Mubaraks verbessert haben.

Viele der Demonstranten erklären, sie empfänden die Forderungen der Opposition nach einem Rücktritt Mubaraks als Schmach. Ägypten sei eine sehr patriarchalische Gesellschaft, in der das Staatsoberhaupt als Vaterfigur gesehen werde. "Wir sind seit den Tagen der Pharaonen ein stabiles Land gewesen", sagt der 58-jährige Kriegsveteran Samir Hamid. "Diese Demonstranten wollen uns in Somalia verwandeln: arm und im Krieg gegen sich selbst." Ähnlich empfindet der 31-jährige Fabrikarbeiter Mohammed Hussein, der sagt, Mubarak sei das Symbol von Ägypten. "Wenn er beleidigt wird, werde ich beleidigt."

Am Abend ist das ganze Ausmaß der schweren Ausschreitungen auf dem Tahrir-Platz noch nicht abzusehen. Ersten unbestätigten Angaben zufolge soll es mindestens einen Toten gegeben haben – er soll aus den Reihen der Sicherheitskräfte stammen. Mehrere hundert Menschen wurden bei den Protesten verletzt, einige von ihnen schwer. Dessen ungeachtet bekräftigt die Opposition, wie geplant morgen erneut gegen Mubarak zu demonstrieren. Aufgerufen haben die Regimekritiker zu einem Sternmarsch auf Kairo.

Internet Aktuelle Entwicklungen zu den Protesten in Ägypten unter www.rp-online.de/politik

(RP)
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