Zeugnisse: Scheitern ist nicht mehr vorgesehen — und das ist fatal

Zeugnisse : Scheitern ist nicht mehr vorgesehen — und das ist fatal

Nie war die Chance auf einen guten Schulabschluss so hoch. Zugleich sinkt die Frustrationsschwelle bei Eltern, Schülern und Politikern - Misserfolge in der Schule sind nicht mehr vorgesehen. Das ist nett gemeint, aber fatal.

Leistung - das ist Arbeit geteilt durch Zeit, sagen die Physiker. Ähnlich ist es auf den ersten Blick in der Schule. Auch hier geht es um eine Anstrengung, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erbringen ist. Dort aber enden die Parallelen schon: Bei gleicher geleisteter Arbeit und gleicher verfügbarer Zeit steht eben nicht in allen Fällen dieselbe Leistung. Was der einen zufliegt, bleibt dem anderen ein ewiges Rätsel. Das in Noten zu messende Resultat beschäftigt heute wieder gut zwei Millionen Schüler in Nordrhein-Westfalen - es ist Zeugnistag.

Zeugnisse mit Ziffernnoten sind die offenkundige Manifestation der Ungleichheit. Zeugnisnoten haben damit etwas Unzeitgemäßes. Denn den Deutschen scheint es zunehmend unangenehm, sich erinnern zu lassen, dass es irgendwann annähernd Gleichheit bei den Bildungschancen geben mag, sicher aber nie Gleichheit bei den Ergebnissen, also den Noten.

Dabei war statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit nie so hoch wie heute, einen exzellenten Abschluss zu erreichen. Mittlerweile wechseln in NRW mehr als 40 Prozent der Grundschüler ans Gymnasium - Anfang der 70er waren es erst 25 Prozent. Deutlich mehr als ein Drittel jedes Jahrgangs erreicht die allgemeine Hochschulreife, also das Abitur. Und es steigt auch noch der Anteil derer, die mit der Traumnote 1,0 abschließen: in NRW von 0,7 Prozent 2007 auf 1,6 Prozent 2013. Zugleich sinkt langsam der Anteil der Abbrecher.

Da liegt die Frage nahe, ob vielleicht die Anforderungen gesunken sind. Der Streit ist so alt wie die Bildungsdebatte selbst. Natürlich, sagen die Pessimisten, die politisch meist im konservativen Lager siedeln. Sie führen Reifeprüfungs-Aufsätze der 50er Jahre an, die geistigen Höhenflügen geglichen hätten, während heute der aufrechte Gang genüge, um nicht durchzufallen. "Das Abitur ist heute leichter als früher. Es wird einem geschenkt", trötete jüngst die "Welt am Sonntag". Von wegen, sagen die Optimisten, die politisch eher links stehen: Heute werde eben anders gelernt, würden weniger Fakten gepaukt, stattdessen exemplarischer, verfahrensorientierter gelernt. Die allgemeine Kompetenz aber sei so hoch wie nie.

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Dass Bayern - ausgerechnet Bayern! - 2011 kurzerhand die Anforderungen an seine Abiturienten senkte, als klar wurde, dass die Durchfallquote im ersten Jahrgang des auf acht Jahre verkürzten Gymnasiums drastisch steigen würde, stimmt allerdings bedenklich. Ein Einzelfall? In dieser Dreistigkeit vielleicht; schlecht wegzudiskutieren ist aber, dass in der Politik die Bereitschaft wächst, sich im Alltag von der Orientierung an messbaren Leistungsindikatoren zu verabschieden. Zumindest aber werden diejenigen Kriterien relativiert, die zu stärkerer Trennung der Schüler führen. So hat NRW seit 2010 die Pflicht zu Ziffernnoten in der dritten Klasse aufgehoben, die Differenzierung nach Leistung in der Gesamtschule aufgeweicht und mit der Sekundarschule eine Schulform erfunden, an der teilweise komplett ohne Trennung nach Leistungsniveau gelernt wird.

Dahinter steht das rot-grüne Mantra, kein Kind zurückzulassen. "Abschulung", der Wechsel auf eine niedrigere Schulform wegen schlechter Leistungen, soll laut Koalitionsvertrag einer "Kultur des Behaltens" weichen. Sitzenbleiben? Bildungspolitische Steinzeit!

Mit anderen Worten: Scheitern ist nicht mehr vorgesehen, trotz höchster Erwartungen von Eltern und Politikern an das Bildungsniveau der nächsten Generation. Mehr noch - Scheitern an einer Prüfung oder einer Versetzung ist kein Scheitern des Einzelnen, keine Chance auf einen Neuanfang in vielleicht passenderer Umgebung, sondern ein Versagen des Systems, das ein Kind um seine Chancen betrogen hat. In diesem Weltbild ist auch Nachhilfeunterricht kein notwendiges Übel einer Gesellschaft, die bald die Hälfte ihrer Kinder an ein Gymnasium schickt, von dem sie profunde Bildung und Studierfähigkeit erwartet, sondern eine moralische Niederlage. Manches Nachhilfeinstitut packt nur zu gern die dunkelsten Farben aus, um am Bild des reformunfähigen Bildungssystems mitzumalen, denn der Verdruss ist Wasser auf die Mühlen der Anbieter.

Das Wahlkampfgerede von "Bildungsschubladen", in die die Kinder nach Klasse vier gesteckt würden (und aus denen sie, das ist mitzulesen, nie wieder herauskommen, es sei denn, nach unten), schlägt in dieselbe Kerbe - es lädt die Verantwortung bei irgendwelchen Strukturen ab, statt Leistungsfähigkeit und -willen des Einzelnen in den Vordergrund zu stellen.

Effekte sind schon zu besichtigen. Im wütenden Protest Tausender Abiturienten 2013 in NRW gegen eine Mathematik-Aufgabe schwang neben der Besorgnis um die Berufschancen des Doppeljahrgangs bei manchem der Unwille mit, die Möglichkeit wirklich schwerer Aufgaben zu akzeptieren. Und auch die Misshelligkeiten des "Turbo-Abiturs" gehen bei näherem Hinsehen häufig genug auf die Probleme einzelner Schulen zurück, sich dem neuen Lehr- und Lernrhythmus anzupassen. Nicht G 8 an sich macht Kinder krank, sondern seine schlechte Umsetzung. Oder sind etwa die sächsischen und thüringischen Schüler, die seit Jahrzehnten im G 8 lernen, genetisch robuster als der nordrhein-westfälische Nachwuchs?

Sitzenbleiben, Nachhilfe, "Turbo-Abitur" - all diese Phänomene haben einen gemeinsamen Nenner: Die Frustrationsschwelle sinkt. Bei Eltern, Schülern und Politikern.

Dahinter steckt häufig genug ehrliche Sorge um die Kinder. Trotzdem ist diese Entwicklung fatal. Denn sie leistet einer Bildungshysterie Vorschub, die das Vertrauen in ein Grundprinzip der bürgerlichen Gesellschaft untergräbt, nämlich Aufstieg durch Leistung. Was den Weg dorthin angeht, sind die Deutschen durchaus zu Unannehmlichkeiten bereit: In einer Allensbach-Studie sprachen sich noch vergangenes Jahr Mehrheiten für das Sitzenbleiben, das gegliederte Schulsystem und möglichst homogene Lerngruppen aus, also für frühe Trennung der Schüler - alles Dinge, die man gemeinhin mit einem leistungsorientierten Bildungswesen verbindet. Und die Nachfrage nach Nachhilfe bleibt hoch, weil der Wert guter Noten Eltern aller Schichten und verschiendenster Herkunft bewusst ist.

Der Wille, sich anzustrengen, ist also keineswegs tot. Es fehlt nur immer öfter am (auch politischen) Mut, die Konsequenzen zu akzeptieren - dass, wer Leistung will, das Scheitern ertragen muss. Dabei täte uns mehr Vertrauen in die Kraft des Leistungsprinzips ganz gut. Ganz besonders am Zeugnistag.

(RP)
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