"Scham – nicht nur heimlich"

"Scham – nicht nur heimlich"

Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) ist schockiert über die Plagiate in Guttenbergs (CSU) Dissertation. Auch viele Professoren fürchten einen Glaubwürdigkeitsverlust der Wissenschaft.

Düsseldorf Die Bundeskanzlerin hat sich symbolträchtig vor einem Bücherregal mit enzyklopädischen Bänden aufgebaut. Denn Angela Merkel (CDU) hat sich ein wissenschaftsnahes Thema für ihre wöchentliche Internet-Ansprache ausgesucht: das geistige Eigentum. Dessen Diebstahl sei nicht etwa ein Bagatell-Delikt, sagt die Kanzlerin. "Es geht auch darum, die Leistung von Künstlern, Komponisten, Schriftstellern und Journalisten zu achten und zu schützen." Das war im Sommer 2008.

Gut zweieinhalb Jahre später ist Merkel etwas großzügiger beim selben Thema. Ihr Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist deutlich angeschlagen. Beim Verfassen seiner inzwischen wieder aberkannten Doktorarbeit scherte er sich herzlich wenig um den Schutz geistigen Eigentums. Zitierte Texte von Wissenschaftlern und Journalisten übernahm er wörtlich, ohne auf deren Herkunft hinzuweisen. Doch noch hält die Kanzlerin unbeirrt an ihrem Verteidigungsminister fest – sehr zum wachsenden Ärger des Wissenschaftsbetriebes.

Selbst Guttenbergs Kabinettskollegin, Forschungsministerin Annette Schavan (CDU), die vor 30 Jahren promovierte, sagte der "Süddeutschen Zeitung", dass sie sich "nicht nur heimlich schäme" für das, was da passiert sei. Der Entzug des Doktortitels sei richtig. Schavan weiß, was durch "das, was da passiert ist", auf dem Spiel steht: die Glaubwürdigkeit des Wissenschaftsbetriebes. Und deshalb fordern mehrere Hochschulprofessoren härtere Konsequenzen. "Wie soll ich denn meinen Studenten erklären, dass ihnen bei einem Plagiat in einer Hausarbeit unter Umständen gar die Exmatrikulation drohen kann, wenn der Verteidigungsminister ungeschoren davonkommt", sagte Uwe Kamenz, Marketing-Professor an der Fachhochschule Dortmund unserer Zeitung.

"Wissenschaft lebt davon, dass mit wissenschaftlichen Texten redlich umgegangen wird, dass die Quellen aufgedeckt werden. Und wenn dagegen verstoßen worden ist, dann ist das mehr als ein bloßes Kavaliersdelikt", sagte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, im ZDF. "Es steht mir nicht zu, die politische Glaubwürdigkeit eines Promovierten oder ehemals Promovierten zu beurteilen, aber in der Wissenschaft wäre man mit diesem Verhalten unten durch."

Noch deutlicher wurde Oliver Lepsius, Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle an der Universität Bayreuth: "Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat", sagte der Jura-Professor der "Süddeutschen Zeitung". Guttenberg leide offenbar an Realitätsverlust, denn er stelle "planmäßig und systematisch die Plagiate" zusammen und behaupte, "nicht zu wissen, was er tut".

Tatsächlich gehört das Plagiieren seit Jahrzehnten an den Bildungseinrichtungen dazu – betroffen sind Schüler genauso wie Studenten, Doktoranden und Professoren. Und so gibt es auch Vereinzelte, die ehrliche Freude über die Affäre Guttenberg zeigen. Debora Weber-Wulff, Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, ist so jemand: "Der Guttenberg-Fall ist ein Geschenk", meint die Plagiats-Forscherin. "Jetzt müsste in allen Schulen ein Schwerpunkt auf das Thema gelegt werden. Wie schreibt man richtig, wie recherchiert man und was ist wissenschaftliche Redlichkeit?"

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Professor Kamenz von der Fachhochschule Dortmund hat im Zuge der Guttenberg-Affäre angekündigt, die Doktorarbeiten aller Bundestags-Abgeordneten nach Plagiaten zu durchforsten. Schon in seiner Studie "Plagiate in Deutschland 2008" legte er dar, dass jede neunte untersuchte Abschlussarbeit an einer Hochschule ein Plagiat aufwies.

Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Absolventen bedeutet dies, dass es deutschlandweit jährlich etwa 22 000 Betrugsfälle gibt – dem gegenüber stehen nur 31 Exmatrikulationen, also der Rauswurf aus der Uni. Zwei mögliche Erklärungsansätze für die Dunkelziffer: die Faulheit oder die begrenzte Zeit der Professoren. Laut Kamenz' Studie wurde nur jede sechste wissenschaftliche Prüfungsarbeit von den Professoren mit Hilfe von Internetsuchmaschinen auf Plagiate durchforstet. "Dabei dauert es gerade einmal eine halbe Stunde, eine Arbeit zu durchleuchten", sagt er. Und warum nun also die Suche in den Abgeordneten-Arbeiten? "Dann ist dieses leidige Thema ein für alle Mal vom Tisch."

Kamenz hat deshalb schon einmal Ministerin Schavan ein Angebot gemacht: 50 000 Euro für 1000 Arbeiten. Alte Dissertationen, die nicht in elektronischer Form vorliegen, müssten schließlich digitalisiert werden. Die Ministerin hat dieses Angebot bislang ignoriert. Kamenz will dennoch tätig werden – genauso wie die Internet-Aktivisten der Enthüllungsplattform Guttenplag, die Tag für Tag neue Stellen in Guttenbergs Dissertation veröffentlichte. Dass Kamenz bei den Abgeordneten-Dissertationen einen ähnlich eklatanten Fall wie den von Guttenberg finden wird, glaubt er nicht.

Knapp 24 000 Dissertationen wurden im vergangenen Jahr in Deutschland fertiggestellt – doppelt so viele wie noch vor 30 Jahren. Teilweise kommen die Professoren bei der Vielzahl der Doktorarbeiten im akademischen Wissenschaftsbetrieb mit den Korrekturen kaum hinterher. An der juristischen Fakultät der Universität Köln sieht man gänzlich davon ab, mit herkömmlichen Methoden fremde Texte in wissenschaftlichen Texten auszumachen. "Vor allem in juristischen Arbeiten sind Plagiate schwer zu erkennen", sagt Michael Sachs, Professor für Wissenschaftsrecht an der Uni Köln. "Spezielle Plagiat-Prüfungen führen wir bei Dissertationen generell nicht durch."

Internet Mehr zum Fall Guttenberg unter www.rp-online.de/politik

(RP)