St. Petersburg: Schadensbegrenzung nach Eklat um Beutekunst

St. Petersburg : Schadensbegrenzung nach Eklat um Beutekunst

Chaos beim Russland-Besuch von Kanzlerin Merkel: Präsident Putin wollte zunächst einen Besuch der Ausstellung platzen lassen.

Ausgerechnet ein Kunstwerk, eine Lithografie von 1894, dem Jahr des ersten deutsch-russischen Handelsvertrags, hatte Russlands Präsident Wladimir Putin der Bundeskanzlerin gestern als Gastgeschenk im Konferenzentrum von St. Petersburg überreicht. Dabei war es die Kunst, die Angela Merkels Staatsbesuch fast mit einem Fiasko hätte enden lassen.

Doch der Reihe nach. Kurz vor Merkels Abflug gestern früh aus Berlin hatte die russische Seite die ursprünglich geplanten Grußworte Merkels und Putins zur Eröffnung der Ausstellung "Bronzezeit — Europa ohne Grenzen" im weltbekannten Petersburger Kunstmuseum Eremitage abgesagt. Ohne Begründung — ein Affront. Merkel sagte daraufhin den Besuch der Ausstellung ganz ab.

Nach St. Petersburg flog sie trotzdem. Immerhin hatte sie ja eine hochkarätige Wirtschaftsdelegation im Schlepptau und dem russischen Präsidenten bei dessen Besuch der Hannover-Messe im Frühjahr ihre Teilnahme am Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg zugesagt. Der Streit entzündete sich dann an einer Ausstellung, die als kultureller Höhepunkt des Deutschland-Jahrs in Russland gilt, aber in dem wirtschaftlich dominierten Besuch Merkels nur als Nebenaspekt gedacht war. In der Schau sollten erstmals rund 600 Exponate der in Kriegszeiten von sowjetischen Soldaten aus Deutschland entwendeten Kunstobjekte, der sogenannten Beutekunst, öffentlich gezeigt werden, darunter der Goldschatz von Eberswalde. Kulturexperten sprachen von einer "kleinen Sensation".

Deutschland fordert seit Jahrzehnten die Rückgabe dieser Kriegsbeute. Offenbar hatten Putins Berater nun Angst, dass Kanzlerin Merkel dies in ihrer Ansprache im Museum erneut verlangen würde. Genau dies hatte Merkel auch vor.

Am Nachmittag dann der Rückzug Putins bei der gemeinsamen Pressekonferenz im Kongresszentrum St. Petersburgs. "Wir haben nichts abgesagt", behauptet der Präsident. Man habe nur zeitliche Probleme bedenken müssen. Diese seien nun gelöst. Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert steht an der Seite und lächelt gequält. Dann ergreift die neben Putin stehende Bundeskanzlerin plötzlich das Wort und widerspricht ihm öffentlich. Die Kanzlerin hat schon öfter die rhetorischen Tricks des Präsidenten in Pressekonferenzen erlebt, etwa als Putin der russischen Frauen-Punkband "Pussy Riot" antisemitische Positionen unterstellte, um der deutschen Kritik an dem Umgang seines Regimes mit der Band zuvorzukommen.

Im November 2012 hatte Putin bei der Pressekonferenz zum Petersburger Dialog im Kreml zudem die Absprache gebrochen, das gleichberechtigt Journalisten beider Seiten Fragen stellen dürften. Merkel musste ins Kreuzverhör russischer Journalisten.

Nun also die Beutekunst. In einem "direkten Gespräch zwischen mir und dem Präsidenten" sei man zu der Einigung gekommen, dass beide die Ausstellung besuchen würden und auch zu den Gästen sprechen würden, stellt Merkel klar. "Das Problem als solches ist also gelöst."

Damit wird offensichtlich: Es gab ein Problem. Putin schaut verdattert, belässt es aber bei Merkels Intervention. Auf die Frage, ob es beim Thema Beutekunst in seiner Präsidentschaft noch Fortschritte geben könnte, sagt er: Man dürfe die Probleme "nicht aufblasen". Es könnte dann ja auch russische Stimmen geben, die nachzählen würden, wie viel Schaden die Nazis in seiner Heimat hinterlassen hätten.

Am Abend kommt schließlich ein grimmig dreinblickender russischer Präsident mit einer gut gelaunten Bundeskanzlerin in die Eremitage am Ufer der Newa. Merkel will ihren diplomatischen Erfolg aber nicht auskosten, spricht davon, dass es schon eine Freude sei, dass die 600 "kriegsbedingt verlagerten" Kunstgegenstände zu sehen seien. Damit übernimmt sie die russische Rhetorik. Dann folgt aber doch der zentrale Satz: "Wir sind der Meinung, dass diese Ausstellungsgegenstände wieder zurück nach Deutschland kommen sollten." Dies müsse man nun "politisch" lösen. Putin hatte zuvor davon gesprochen, dass es für den Bürger doch egal sei, ob die Kunst in Berlin oder Sankt Petersburg zu sehen sei. Nähergekommen sind sich die beiden also nicht.

(brö)
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