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Russland: Proteste gegen Wladimir Putin

Proteste gegen Putin in Moskau : "Ukraine, verzeih uns!"

Tausende Menschen haben am Wochenende in Moskau gegen die Ukraine-Politik von Präsident Wladimir Putin demonstriert. Es war der erste Protestmarsch seit vielen Monaten.

Sie tragen Plakate mit der Aufschrift "Ukraine, verzeih uns!", sie rufen "Nein zum Krieg!" und singen ein ukrainisches Schmählied auf Wladimir Putin. Mehrere Zehntausende Russen haben am Sonntag beim "Marsch des Friedens" im Zentrum von Moskau ihrem Unmut über die Ukraine-Politik des Kremls Luft gemacht.

Jewgeni schwenkt die blau-gelbe Fahne der Ukraine. "Mir tut es weh, was in der Ukraine passiert. Dort ist Krieg, und ich will das nicht", sagt der stämmige 36-Jährige, der als Elektromechaniker bei der russischen Eisenbahn arbeitet. Schuld an dem Krieg sei Putins Jagd nach guten Umfragewerten. Derzeit sind 84 Prozent der Russen mit der Politik des Präsidenten zufrieden. "Diese Zufriedenheit über die russische Aggression in der Ukraine zeigt eine Sklavenmentalität", sagt Jewgeni. Doch lange, so glaubt Jwegeni, wird die russische Einmischung in den Ukraine-Konflikt nicht mehr anhalten. "Die wirtschaftliche Situation wird das nicht erlauben." Bereits jetzt ächzt Russland unter den Sanktionen des Westens.

Angesichts der zunehmend repressiven Stimmung im Land sind es erstaunlich viele Demonstranten, die sich an diesem sonnigen Herbsttag auf die Straße getraut haben. Die Moskauer Stadtverwaltung hat den Friedensmarsch genehmigt, allerdings ohne Kundgebung. Die Polizei beziffert die Zahl der Teilnehmer auf 5000. Die Veranstalter zählen an den Metalldetektoren 26 000 Demonstranten, was dem subjektiven Eindruck der Korrespondentin weit eher entspricht. Die Nervosität der russischen Staatsmacht ist offensichtlich groß. Die gesamte Marschroute der Demonstration ist mit Gattern eingezäunt und von Polizisten bewacht.

Russland: Proteste gegen Wladimir Putin
Foto: dpa, am uw

Dabei ist die Stimmung überwiegend freundlich. Die Demonstranten lassen sich auch nicht provozieren, als am Rand ihrer Demostrecke ein paar Gegendemonstranten die schwarz-rote Flagge der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk" in die Höhe halten und skandieren: "Der Friedensmarsch - das sind die Helfer der Faschisten." Nach Ansicht des Kremls hat die ukrainische Revolution gegen den Präsidenten Viktor Janukowitsch faschistische Kräfte an die Macht gebracht.

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Den IT-Experten Viktor (38) bringt die Anti-Demonstration nicht aus der Ruhe. "Sehen Sie sich diese Typen doch an - diese Gangster-Visagen hat man extra hierher gekarrt", sagt er. Viktor ist zusammen mit Janna (41) und Galina (54) aus der Gegend um Jaroslaw an der Wolga nach Moskau gereist, um an dieser Demonstration teilzunehmen. "Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so für mein Land geschämt", sagt Galina, die als Englisch-Lehrerin arbeitet. Und Viktor sagt über die Ursache des Streits: "In der Ukraine und Russland sind es die Leute gewohnt, dass die Mächtigen viel stehlen. Aber in der Ukraine wurde das den Bürgern irgendwann zuviel."

"Ukraine - verzeih uns" steht auf einem großen Plakat, das Sergej (22) in die Höhe hält. "Die Ukraine soll uns verzeihen, dass Russland einfach so über sie hergefallen ist," sagt der junge Reisebürokaufmann, "die Ukraine hatte ihr Recht auf Selbstbestimmung, auf Demokratie."

Der "Marsch des Friedens" ist die erste große Kundgebung der russischen Opposition seit vielen Monaten. Im März gab es eine kleinere Demonstration gegen die Invasion der Krim. Die Proteste in Moskau werden vom einst reichsten Mann des Landes, Michael Chodorkowski, unterstützt. "Es ist eine brüchige Waffenruhe, aber das Problem bleibt. Unser Land nimmt direkt oder mittelbar an dem Konflikt teil", heißt es auf der Seite khodorkovsky.ru des Putin-Kritikers. Mit seiner am Wochenende wiederbelebten Initiative "Open Russia" will er auch die Zivilgesellschaft im Land wieder auf die Beine bringen.

Derweil hat die russische Regierung bekanntgegeben, keine neuen Gegenmaßnahmen als Reaktion auf die vom Westen beschlossenen Sanktionen zu planen, dies teilte Vize-Ministerpräsident Dmitri Kosak mit. Die westlichen Strafmaßnahmen richteten sich besonders gegen den Rüstungs-, Finanz- und Energiesektor.

(RP)