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Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx erschüttert katholische Kirche

Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche : Marx’ Rücktrittsgesuch erschüttert die Kirche

Münchens Erzbischof sieht die katholische Kirche im Missbrauchsskandal an einem „toten Punkt“. Kardinal Woelki zollt Marx großen Respekt.

Kardinal Reinhard Marx hat Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. Mit diesem Schritt zog er die Konsequenz aus dem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und dessen Aufarbeitung. Tief bewegt zeigte sich Aachens Bischof Helmut Dieser. „Kardinal Marx genießt meinen großen Respekt für seine Entscheidung“, so Dieser. Das Rücktrittsangebot bewege ihn besonders, weil Marx in gemeinsamen Trierer Jahren über viele Jahre sein Bischof gewesen sei. „Mein Vertrauen in ihn ist durch seinen konsequenten Schritt bestärkt worden“, betonte Dieser.

Schon am 21. Mai hatte Marx Papst Franziskus gebeten, seinen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising anzunehmen. In dem am Freitag veröffentlichten Schreiben heißt es, dass er „für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“ die Mitverantwortung trage. Zurückliegende Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass auch „institutionelles oder systemisches Versagen“ eine Ursache sei. Noch immer würden „manche in der Kirche dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen und deshalb jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen“.

Marx sieht die Kirche augenblicklich an einem „toten Punkt“, der aber zum Wendepunkt werden könne. Marx war von 2014 bis 2020 auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und trat dann überraschend von diesem Amt zurück. Sein Nachfolger, der Limburger Bischof Georg Bätzing, betonte, dass Marx für die Kirche weltweit Wegweisendes geleistet habe, etwa in der Arbeitsgruppe des Vatikan zur Kurienreform.

Für den Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller zielt das Gesuch auch auf den Kölner Erzbischof: „Er greift Kardinal Woelki frontal an, wenn er von denen spricht, die sich hinter juristischen Gutachten verstecken“, so Schüller.

Woelki selbst zollte Marx „großen Respekt“ dafür, dass er er „in diesen für die katholische Kirche schweren Zeiten persönliche Konsequenz gezogen hat“. Zugleich erinnerte Woel­ki daran, dass er bereits im Dezember 2020 den Papst gebeten habe, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln sowie seine persönliche Verantwortung zu bewerten. „Damit habe ich mein Schicksal vertrauensvoll in die Hände des Papstes gegeben.“

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Völlig überraschend traf Thomas Sternberg, den Vorsitzenden des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, das Rücktrittsangebot. „Ich bin tief erschüttert“, so der 69-Jährige. Und: „Da geht der Falsche“, sagte er unserer Redaktion. „Was Marx in der Ökumene, beim Synodalen Weg und auch bei der Missbrauchsaufarbeitung geleistet hat, ist ganz wichtig gewesen.“ Nach seiner Einschätzung habe Marx die Kritik an der geplanten Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn getroffen. „Das zeigt, dass in der gegenwärtigen Skandalisierung der katholischen Kirche alle in einen Gesamtverruf kommen, egal wie ernsthaft sie diese Themen angehen oder nicht.“

Sollte der Rücktritt angenommen werden, so Sternberg, „fehlt uns eine wichtige Persönlichkeit im deutschen Katholizismus“. Noch im Dezember 2020 hatte Marx die Stiftung „Spes et Salus“ (Hoffnung und Heil) für Betroffene sexuellen Missbrauchs gegründet und dafür einen Großteil seines Privatvermögens in Höhe von 500.000 Euro gegeben.