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Richter wirft Mladic aus dem Saal

Richter wirft Mladic aus dem Saal

Eklat beim Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic: Der Angeklagte zeigte sich bei der Anhörung wenig kooperativ, provozierte Opfer und das Gericht. Der Vorsitzende Richter reagierte harsch und schloss den ehemaligen Befehlshaber der bosnischen Serben vom Verfahren aus.

Den Haag Ratko Mladic zeigt keine Reue. Sein Blick verrät Hohn und Hochmut, als der "Schlächter vom Balkan" gestern Morgen auf der Anklagebank im Haager UN-Kriegsverbrechertribunal Platz nimmt. Der einstige Serben-General im Bosnien-Krieg trägt einen grauen Anzug und eine graue Baseball-Kappe. Als der Richter ihn auffordert, die Mütze abzunehmen, provoziert der des Völkermordes Beschuldigte einen Eklat. Er sei ein kranker Mann und brauche die Kappe. Ihm werde sonst "kalt am Kopf", sagt der 69-Jährige. Richter Alphons Orie reagiert zunächst gefasst: Das Tribunal habe festgestellt, dass er gesund sei. Sollte aufgrund neuer Befunde eine Kopfbedeckung im Saal nötig sein, werde man eine Lösung finden. Doch das ist erst der Anfang von Mladics Attacken. Immer wieder fällt er dem Vorsitzenden ins Wort. Mit abfälligen Gesten und Blicken provoziert Mladic zudem die Angehörigen der Opfer des Massakers von Srebrenica, die im Zuschauerraum sitzen und unruhig werden. Der Ex-General weigert sich schließlich, der Verlesung der Anklageschrift zu folgen. "Nein, nein. Ich höre nicht zu", ruft Mladic und reißt sich die Kopfhörer von den Ohren. "Sie sind kein Gericht. Wer sind Sie? Sie erlauben mir nicht zu atmen", schleudert er Orie entgegen. Da zieht der Niederländer die Notbremse, unterbricht die Sitzung und lässt Mladic in seine Zelle bringen. Der Eklat ist perfekt.

Dann verliest Orie in Abwesenheit Mladics die Anklage. Dem 69-jährigen Ex-General werden in elf Punkten Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 vorgeworfen. Der frühere Militärführer der bosnischen Serben muss sich unter anderem wegen der Massaker in Srebrenica im Sommer 1995 verantworten, bei denen bis zu 8000 bosnische Muslime ermordet wurden, sowie für die jahrelange Belagerung von Sarajevo, der etwa 10 000 Einwohner zum Opfer fielen.

Zu jedem Anklagepunkt gibt Orie anschließend – wie üblich in solchen Fällen – im Namen des Angeklagten ein Bekenntnis auf "nicht schuldig" zu Protokoll. Danach vertagt sich das Gericht. Ein neuer Termin wird nicht genannt.

Srebrenica-Überlebende Hatidia Mehmedovic verfolgt das Spektakel mit ungläubiger Wut. "Mladic hat heute gezeigt, wer er ist und was er ist", sagt sie mit Bitterkeit. "Er zeigt keine Reue und will keine Gerechtigkeit für seine Opfer." Mladics Milizen nahmen ihr am 11. Juli 1995 in Srebrenica alles, was sie liebte. Ihre Familie wollte in das UN-Lager nach Potocari fliehen. Doch Mladics Schergen waren schneller. Mehmedovic wurde gewaltsam von ihrem Mann, ihren Brüdern und den Söhnen Almir (19) und Azmir (21) getrennt. Sie sah ihre Familie nie wieder. Keiner der Verwandten überlebte das Massaker unter den Augen niederländischer Blauhelm-Soldaten. Mehmedovic weiß, dass ihre Wunden auch durch eine Verurteilung Mladics nicht heilen. Sie hofft aber, dass die Hinterbliebenen der Opfer durch das UN-Tribunal zumindest ein wenig Gerechtigkeit erfahren. Doch daran kommen ihr zunehmend Zweifel. Denn Mladics Auftritt ist ein "Déja vu". Auch bei dessen ideologischem Mentor Radovan Karadzic musste Mehmedovic mit ansehen, wie ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher Richter wie Opfer in Den Haag verhöhnt und sich vom Täter zum unschuldigen Helden stilisiert. "Alles, was wir Serben getan haben, war, uns zu verteidigen", hielt er dem UN-Tribunal in seiner ersten Erklärung mit fester Stimme entgegen. Mehr noch: Karadzic warf der Staatsanwaltschaft vor, "das Tribunal zu einem Disziplinierungsinstrument der Nato gegen mich zu machen". Das hatte auch sein politischer Ziehvater Slobodan Milosevic behauptet. Der starb im März 2006 als Untersuchungshäftling im UN-Gefängnis des Haager Badevororts Scheveningen – als offiziell Unschuldiger. Zuvor hatte er mit nationalistischen Ausfällen das Verfahren immer wieder in die Länge gezogen. Nun fahren auch Karadzic und Mladic diesen Kurs.

Hatidza Mehmedovic hofft trotzdem weiter auf eine Verurteilung. Die kleine Frau mit dem streng zurückgekämmten grauen Haar lebt wieder in Srebrenica. Eine Hilfsorganisation unterstützte sie dabei, die Ruine ihres Hauses wieder aufzubauen. Die Bäumchen im Garten, die einst ihre Söhne pflanzten, sind mittlerweile stattlich geworden. Sie sind Erinnerung und Mahnung zugleich. "Erst wenn die Mörder meiner Familie zur Verantwortung gezogen werden, wird in meiner Heimat eine bessere Zukunft wachsen."

(RP)