Richard von Weizsäcker: Darum liebten wir "König Richie"

Richard von Weizsäcker † : Warum die Deutschen "König Richie" liebten

Richard von Weizsäcker verkörperte den stilistisch-politischen Gegenentwurf zur Machtmaschinerie Helmut Kohl. Viele Deutsche bewunderten seine Mischung aus Selbstbewusstsein, Grazie und gemessenem Auftreten. Seine größte Stunde schlug im Jahr 1985.

Richard von Weizsäcker kam als Bundespräsident von 1984-1994 (der vorläufig Letzte in der Reihe der deutschen Staatsoberhäupter mit zwei fünfjährigen Amtszeiten) der süffisanten Bemerkung von Thomas Manns Bruder Heinrich nahe. Danach werden die Deutschen am liebsten von einem Ideal namens "Professor Doktor von Staat" repräsentiert. Der nun 94-jährig verstorbene Politiker, der neben dem noch zwei Jahre älteren Altkanzler Helmut Schmidt bis zuletzt im hohen Ansehen seiner Landsleute stand, war zwar nicht Professor, vielmehr Doktor der Jurisprudenz.

Auch war der Freiherr aus niederem württembergischen Adel - der Staatsdiener-Familie von Weizsäcker wurde erst 1916, zwei Jahre vor Ende der Monarchie in Deutschland, vom letzten württembergischen König das "von" verliehen -, aber Richard von Weizsäcker trat nach außen stets so auf wie eine besonders edle Ausgabe der Spezies Mensch. Er verstand es, klug und tiefgründig zu sprechen, formvollendet aufzutreten.

Als Bundespräsident vor dem rustikalen Roman Herzog (1994-1999) und nach dem spröden Karl Carstens (1979-1984) füllte er das vornehmlich protokollarisch-repräsentative erste Staatsamt in idealer-vorbildlicher Weise aus. Salopp formuliert ließe sich über das Staatsoberhaupt Richard von Weizsäcker sagen: Könnten sich die Deutschen einen Bundespräsidenten aussuchen, würde ihre Wahl auf einen wie ihn fallen. Obwohl oder vielleicht weil von Weizsäcker stets Distanz zu seinen Mitmenschen hielt, himmelten ihn nicht wenige regelrecht an und nannten ihn liebe- und respektvoll zugleich "König Richie".

Besonders brillant in seiner Mischung aus Selbstbewusstsein, Grazie und gemessenem Auftreten war von Weizsäcker bei seinen Staatsvisiten im Ausland. Wenn er etwa Queen Elizabeth seine Aufwartung machte, dachte man, er sei ein Ebenbürtiger, wie just dem Buckingham-Palast entsprungen. Die ausländischen Gastgeber waren beeindruckt und die Deutschen daheim wieder mal hellauf begeistert von ihrem Staatsoberhaupt mit dem silbernen Schopf, dem milden und bei Bedarf huldvollen Lächeln und den geschliffenen Manieren wie aus dem Adelsbilderbuch.

In seiner Präsidentschaft, die der von Helmut Kohl häufig verachtete und dennoch stets geförderte liberale Christdemokrat so hartnäckig angestrebt hatte wie das später nur der Sozialdemokrat Johannes Rau mit Erfolg getan hatte, verkörperte der ehemalige Wehrmachts-Hauptmann den stilistisch-politischen Gegenentwurf zur Machtmaschinerie des Bundeskanzlers und CDU-Bosses Helmut Kohl.

Beide, Weizsäcker in der Bonner Villa Hammerschmidt und Kohl nebenan im Kanzleramt, stichelten über den jeweils anderen. Kohl hat es bis heute nicht verwunden, dass Richard von Weizsäckers legendäre Rede von 1985 zum Gedenken an das Kriegsende vor damals 40 Jahren in die bundesrepublikanische Geschichte einging, nicht jedoch seine, Kohls inhaltlich fast identische Ansprache zum historischen, völkerpsychologischen Charakter des 8. Mai 1945. Kanzler Kohl hatte wenige Wochen, bevor der Bundespräsident mit einer einzigen Rede nationales und internationales Lob einheimste, ebenfalls den schließlich erlösenden Begriff vom "Tag der Befreiung" formuliert.

Aber der mittelmäßige Redner Kohl war kaum zur Kenntnis genommen worden; womöglich unterstellte man ihm auch bloß ein politisch- taktisches Manöver. " König Richie" aber oder " der feine Herr", wie Kohl lästerte, der machte mit seiner glänzend konzipierten, monatelang vorbereiteten, fabelhaft vorgetragenen Befreiungsrede Furore. Weizsäckers Amtszeit-Höhepunkt wurde anschließend sogar unter der Überschrift " Die Rede" als Schallplatte, wie das damals hieß, unters staunende Volk gebracht.

Bevor Richard von Weizsäcker ins politische Oberstübchen der Republik einzog, hatte er bereits Karrieresprossen als Regierender Bürgermeister von Berlin, als Bundestagsabgeordneter und Bundestagsvizepräsident hinter sich. Auch als Präsident des Evangelischen Kirchentages agierte dieser geborene Vermittler und Repräsentant auffallend. Früher als die allermeisten Parteifreunde befürwortete der CDU-Grande die Ostpolitik des Bundeskanzlers Willy Brandt (1969-1974) und dessen SPD/FDP- Bundesregierung. Versöhnung mit Polen blieb für Weizsäcker, dessen Vater Ernst ein hoher Nazi-Staatsdiener im Reichsaußenministerium des Kriegsverbrechers von Ribbentrop war, ein menschliches Anliegen und politische Lebensaufgabe.

Viele führende CDU- und CSU-Politiker warfen Weizsäcker unsolidarisches Verhalten gegenüber der Partei vor, mit deren Hilfe er zu hohen und höchsten Staatswürden gekommen war. Weizsäcker ließ sich nicht beirren. Im Gegenteil, als er bereits Staatsoberhaupt geworden war, geißelte er mit Blick auf seinen Intimfeind, den Bonner Kanzler im Haus nebenan, eine zugleich "machtvergessene und machtbesessene" Politik der Parteien. Kohl tobte über diese "Undankbarkeit und Unkameradschaftlichkeit" eines Mannes, der doch seine politische Karriere eben dieser, seiner Partei zu verdanken habe.

Das Volk empfand es als gut und richtig, dass Weizsäcker seinem "Ich bin so frei" treu blieb, dass sich der Bundespräsident in vornehmem Stil und feiner Wortwahl absetzte vom harten, nicht selten plumpen politischen Alltagsbetrieb. Als Kanzler Kohl dann 1989 in den berühmten 329 Tagen zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zur Hochform auflief und den "Saum vom Mantel der Geschichte" im Bismarckschen Sinne packte, war es Bundespräsident von Weizsäcker, der ins Hintertreffen, wenn nicht ins Abseits geriet mit seinen vagen Ermahnungen gegen zu schnelles Vorgehen im historisch einmaligen Moment. Es hatte zeitweise den Anschein, als verübele von Weizsäcker dem Stürmer Kohl dessen nun alles dominierende Rolle im Einigungsprozess.

In den letzten Jahren seines Lebens, das Richard von Weizsäcker seit 1953 an der Seite seiner Ehefrau Marianne geführt hat, trat der "Jahrhundertzeuge" (Joachim Gauck) nur noch selten in der Öffentlichkeit auf. Wenn er es tat, schlug ihm beinahe ehrfürchtiger Respekt entgegen. Einen persönlichen Schicksalsschlag musste der große Alte vor wenigen Jahren hinnehmen, als einer seiner drei Söhne (das Ehepaar hat außerdem noch eine Tochter) verstarb.

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