Analyse: Rheinland - Größe statt Klasse

Analyse : Rheinland - Größe statt Klasse

Die schiere Größe der Metropolregion Rheinland ist beeindruckend. Aber bis zur wirtschaftlichen Spitze in Deutschland ist es noch ein weiter Weg. Wenigstens ist jetzt ein Anfang gemacht.

Am heutigen Montag wird in Nordrhein-Westfalen Geschichte geschrieben. Mit ihrer Unterschrift zum Gründungsdokument der Metropolregion Rheinland schaffen die Vertreter von elf Städten, 13 Kreisen, zwei Regierungspräsidien sowie der dort ansässigen Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern den größten städtischen Verbund Deutschlands. 8,5 Millionen Menschen leben in der neuen Metropolregion, die mit 291 Milliarden Euro fast die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts Nordrhein-Westfalens erwirtschaften. Auf den 1130 Autobahn- und 683 Schienenkilometern bewegen sich täglich 2,5 Millionen Pendler. Von den Airports der Metropolregion starten und landen jährlich 33,8 Millionen Passagiere, an ihren Häfen werden im gleichen Zeitraum fast 61 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen. 326.000 junge Menschen studieren dort an 64 Hochschulen.

Die neue Metropolregion (Werbespruch: In der Mitte Europas - Tor in die Welt) verbindet sogar die bislang feindlichen Geschwister Düsseldorf und Köln. Sie liegt im Zentrum des Teils von Europa, der die höchste Bevölkerungsdichte aufweist. Klar, dass sich die neue Metropolregion als der wichtigste Motor im Westen Deutschlands sieht.

Doch schiere Größe allein entscheidet noch nicht über den Erfolg. Mit seinen vielen unterschiedlichen Akteuren, mit dem Konflikt um die Mitgliedschaft der Ruhrgebietsanrainer Duisburg und Kreis Wesel sowie dem jahrzehntelangen Dauerstreit der Metropolen Düsseldorf und Köln hat der neue Verbund schon vor seinem Start an Schlagkraft eingebüßt.

Sicher, die Metropolregion, die so starke Städte wie Düsseldorf, Köln, Aachen und Bonn umfasst, verfügt über viele Vorteile. Im Vergleich mit der Konkurrenz vor allem in Süddeutschland werden auch die Defizite sichtbar. So liegen sowohl bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, gemessen als Produktivität der Beschäftigten, wie auch bei der Kaufkraft ihrer Bewohner die Regionen Stuttgart, Frankfurt und München vor den Zentren am Rhein. Auch bei der Gründungsintensität der Computerbranche schneiden München, Berlin, der Rhein-Main-Raum sowie Hamburg, Stuttgart und Nürnberg besser ab als die Rhein-Ruhr-Region. Das hat zumindest die IHK Hamburg in ihrer jüngsten Studie über Metropolregionen herausgefunden.

In einer Forschungsarbeit des Hamburger Weltwirtschaftsarchivs über sechs Metropolregionen belegt Rhein-Ruhr (nur diese Großregion wurde verglichen) mit einem Wirtschaftswachstum von nur 8,2 Prozent zwischen 2007 und 2013 lediglich einen der hinteren Ränge. Deutlich besser sieht es für Berlin (plus 17,1 Prozent) und München (plus 16,5 Prozent) aus.

Die beiden Regionalwissenschaftler Hendrik Hüning und Jan Wedemeier sehen den Süden Deutschlands im Wettbewerb der Metropolregionen klar vorne. Im Falle Münchens heißt es sogar, dass sich die "wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von allen anderen Metropolregionen entkoppelt hat".

Das vermeintliche Kraftpaket Rheinland ist hier nur Mittelmaß. Entsprechend viel haben sich die Gründer der neuen Metropolregion vorgenommen: Maßnahmen gegen den Dauerstau auf Autobahnen und die Überfüllung in Regionalzügen, ein besseres Baustellenmanagement, eine gemeinsame Plattform für Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die Weiterentwicklung der Hochschulen, Aktivitäten zur Anwerbung qualifizierter Fachkräfte sowie die Etablierung einer Marke im Standortmarketing.

Das klingt ehrgeizig. Aber es ist nur eine der Voraussetzungen, dass die Metropolregion Rheinland im Konzert der deutschen Städteverbünde mithalten kann. Immerhin haben die Kommunen am Rhein ihren Platz in der Arbeitsteilung und Hackordnung der mittlerweile zwölf Metropolregionen Deutschlands. So führen in industrieller Hinsicht Stuttgart und München, die besten Logistikstandorte sind Hamburg und das Rheinland, die Finanzmetropole ist Frankfurt und bei Forschungs- und Bildungseinrichtungen liegen München, Berlin und Rheinland vorne.

Chancen für das Rheinland bestehen also durchaus. Denn die "Investitionen in Bildung und Forschung werden mehr als die geografische Lage die künftige Rangfolge der Metropolregionen bestimmen", ist Dirck Süß, der für die Wirtschaftspolitik zuständige Geschäftsführer der IHK Hamburg, überzeugt. Gerade Deutschlands nördliche Metropole hat hier Nachholbedarf. Und ausgerechnet vor der ersten großen Reform der Metropolregion Hamburg hat eine Rebellengruppe die Macht in der IHK der Hansestadt übernommen, was dort viel Unsicherheit schafft.

Wie wichtig die Verbindung von Universitäten und Unternehmen ist, betont auch der Regionalforscher Wedemeier. "Die Nähe einer Exzellenzuniversität oder einer herausragenden Bildungs- und Forschungseinrichtung kann für das Städte-Ranking entscheidend sein", findet der Wissenschaftler des HWWI. Ein Plus für das Rheinland, das mit der RWTH Aachen und der Universität Köln gleich zwei Exzellenzuniversitäten aufweist. Und die Universitäten in Bonn und Düsseldorf gehören auch zu den besten in NRW.

Auch das Konstrukt der Metropolregion selbst kann im Wettbewerb helfen - trotz mancher Schwerfälligkeit und kommunaler Provinzialität. Denn "selbst Städte wie Hamburg sind im internationalen Wettbewerb zu klein, um allein aufzutreten. Das macht eine Metropolregion notwendig", meint der Regionalexperte der IHK Hamburg, Dirk Lau.

Das Rheinland kann also von der derzeitigen Mittelposition in die Spitzengruppe der Metropolregionen Deutschlands aufsteigen. Das wäre ein großer Sprung. International, da sind sich alle Stadtforscher einig, spielt jedoch keine der deutschen Regionen in der Top-Liga mit. Die Metropolregionen New York, San Francisco/Silicon Valley, Los Angeles, Tokio, Paris, London, Schanghai oder Hongkong gehören einer anderen Klasse an.

(kes)
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