"Religionsfreiheit ist Menschenrecht"

"Religionsfreiheit ist Menschenrecht"

Im türkischen Tarsus, der Heimatstadt des Apostel Paulus, unterstreicht Bundespräsident Christian Wulff das Recht aller Menschen, ihren Glauben zu leben. Der Pfarrer sagt bei seiner Predigt in der Pauluskirche, religiöse Toleranz genüge nicht, da sie "gewährt oder versagt" werden könne.

Tarsus Bischof Grigorius Melki Ürek ist sehr früh aufgestanden an diesem Donnerstagmorgen. Rund 400 Kilometer hat Ürek, der Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche im ostanatolischen Adiyaman, zurückgelegt, um beim Gottesdienst mit dem deutschen Bundespräsidenten im südtürkischen Tarsus dabei sein zu können. In der Zeremonie in der Pauluskirche betet Ürek vor Christian Wulff und den anderen Gästen das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache, die Jesus Christus sprach. Es ist einer der feierlichsten Momente bei der Zusammenkunft des deutschen Staatsoberhaupts mit den Vertretern der christlichen Minderheiten der Türkei.

Zum ersten Mal besucht ein deutscher Bundespräsident die Stadt Tarsus, den Heimatort des Apostels. Die Pauluskirche ist offiziell ein Museum, in dem Gottesdienste nur mit behördlicher Genehmigung stattfinden dürfen.

Der Gottesdienst wird von den Pfarrern der katholischen und evangelischen deutschen Gemeinden von Istanbul zelebriert. Auch die Gäste – neben den syrisch-orthodoxen und armenischen auch ein Vertreter der griechisch-orthodoxen Christen – sind aus der ganzen Türkei angereist, um mit dem deutschen Präsidenten ein Zeichen zu setzen. Repräsentanten der Türkischen Republik fehlen allerdings: Bürgermeister, Landrat und andere Offizielle erscheinen zwar zur Begrüßung von Wulff vor der Kirche, bleiben aber dem Gottesdienst fern.

Was in der Kirche gesagt wird, hätte ihnen vielleicht auch nicht gefallen. In seiner sehr politischen Predigt betont der protestantische Pfarrer Holger Nollmann die Sehnsucht der Christen nach "vollständiger Religionsfreiheit", die mehr sei als religiöse Toleranz. Schließlich werde Toleranz von einer Obrigkeit "gewährt oder versagt" – Religionsfreiheit sei dagegen ein Rechtsanspruch. In den Fürbitten wird Gottes Hilfe "für die einheimischen Kirchen in ihrer oft schwierigen rechtlichen und politischen Situation" erbeten.

Wulff nimmt sich Zeit für ein langes Gespräch mit den Kirchenvertretern, singt im Gottesdienst alle Kirchenlieder mit und sagt hinterher, der Besuch in Tarsus sei ein "unvergesslicher Tag" gewesen. Viel mehr als bei den politischen Begegnungen in Ankara, bei denen er mitunter unsicher und hölzern wirkte, scheint er bei den Christen in Tarsus in seinem Element zu sein. Er plaudert mit den italienischen Nonnen, die sich um die Paulus-Kirche kümmern, und mit deutschen Christen aus dem nahen Adana.

Und er findet deutliche politische Worte. Wulff nutzt mehrere Presse-Statements, um das Thema Religionsfreiheit zu unterstreichen. Diese sei "ein Menschenrecht" für Gemeinschaften und Einzelne gleichermaßen, sagt der Bundespräsident vor der Kirche. Die Muslime in Deutschland könnten ihren Glauben frei leben, und dasselbe solle auch für die Christen in der Türkei gelten, wiederholt er wenig später vor türkischen Reportern.

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Dem Bundespräsidenten geht es besonders um die Anerkennung der Kirchen als Rechtspersönlichkeiten und darum, dass die Ausbildung von Priestern in der Türkei zugelassen wird. Mit Blick auf erste Reformen sagt Wulff: "Wir sind in der richtigen Richtung unterwegs." Aber eben noch nicht am Ziel.

Auch Wulff selbst ist noch nicht am Ziel seiner Bemühungen, Christen und türkischen Staatsvertretern gleichermaßen deutlich zu machen, dass es sich bei der Religionsfreiheit für ihn um eine Herzensangelegenheit handelt. In Istanbul will sich Wulff heute, am letzten Tag seines Türkei-Besuchs, mit Bartholomäus I. treffen, dem Patriarchen von Konstantinopel und geistlichen Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit.

Die Orthodoxen dürfen seit fast 40 Jahren keine Priester mehr ausbilden. Wulff hat in den vergangenen Tagen mehrmals die Wiedereröffnung der seit 1971 geschlossenen orthodoxen Priesterschule bei Istanbul gefordert. In Tarsus deutet er an, dass sich bei diesem Thema bald etwas tun könnte.

Um die türkische Seite zu ermuntern, versucht es Wulff mit dem Hinweis auf mögliche Einkünfte aus dem Tourismus: Sollte die Pauluskirche dauerhaft für Gottesdienste geöffnet werden, dann würden auch viel mehr Besucher in die Stadt kommen. Er selbst würde auch gerne noch einmal mit seiner Familie nach Tarsus reisen. "Dann gehen wir auch in die Moschee."

Internet Mehr Bilder von der Reise des Bundespräsidenten unter www.rp-online.de/politik

(Rheinische Post)
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