Düsseldorf: "Rau war ein soziales Netzwerk auf zwei Beinen"

Düsseldorf : "Rau war ein soziales Netzwerk auf zwei Beinen"

Als Christina Delius seinerzeit einen Besuch bei Johannes Rau beenden wollte und sich zum Gehen wandte, rief der SPD-Politiker ihr nach: "Wir wollten uns doch noch verloben." Diese Episode, Auftakt einer "langen Ehe" (Christina Rau), schilderte die Witwe des 2006 verstorbenen Ex-Bundespräsidenten in einem kurzen Film, der gestern anlässlich einer Gedenkstunde für Rau im Düsseldorfer Ständehaus (K 21) gezeigt wurde. Darin kam der langjährige NRW-Ministerpräsident (1978 bis 1998), der am Sonntag 80 Jahre alt geworden wäre, auch selbst zu Wort: "Ich glaube nicht, dass Politik den Charakter verdirbt, sondern schlechte Charaktere verderben die Politik."

Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD), die zu der Veranstaltung geladen hatte, sprach von einem reichen Erbe, das Rau hinterlassen habe. So habe er darauf bestanden, dass Politik das Leben menschlicher machen müsse. Deswegen habe er sich – "oft zur Verzweiflung seiner Umgebung" – intensiv mit den Briefen beschäftigt, die ihm die Bürger zugeschickt hätten. Der Mensch als Maßstab der Politik – "wir dürfen ihn nicht aus der Hand legen", betonte Kraft.

Ein weiteres Erbe sei die Einsicht, dass Wirtschaft nicht über die Köpfe der Menschen organisiert werden dürfe, sondern nur mit ihnen. Rau habe eine "außerordentliche Strukturpolitik" betrieben, "die die Menschen forderte, aber nicht überforderte". Rau habe zudem gewusst, wie wichtig die Beteiligung der Kommunen für eine erfolgreiche Politik sei. Den Kommunen auf Augenhöhe begegnen, dies sei für sie das "dritte Erbstück". Früh und klar habe Rau zudem erkannt, dass Bildung der "Dreh- und Angelpunkt von Zukunftsfähigkeit" sei. Mit ihrer Politik der sozialen Prävention – jetzt Geld für die Förderung von Kindern und Jugendlichen ausgeben, um spätere Fehlentwicklungen zu vermeiden – fühlt sich Regierungschefin Kraft im Einklang mit Rau, der gesagt habe: "Politik muss mehr sein als ein Reparaturbetrieb sozialer Verwerfungen."

Sein Motto "Versöhnen statt spalten" habe Rau auch auf die Integration von Zuwanderern bezogen, sagte Kraft: "Das bleibt auch heute unsere tägliche Aufgabe." Johannes Rau, auch das erwähnt sie, verblüffte die Menschen durch sein phänomenales Gedächtnis für Namen und Persönliches: "Er war so etwas wie ein soziales Netzwerk auf zwei Beinen."

Die Filmemacherin Anne Linsel würdigte Raus Einsatz für die NRW- Kunststiftung. Für ihn sei Kunst nicht die Sahne auf dem Kuchen gewesen, sondern "die Hefe im Teig". Ein wenig Wasser in den Wein goss der Journalist Hans Leyendecker. Als Zeitzeuge befragt, sagte er, er wolle nicht das "Weihrauchfass" schwenken. Rau sei für ihn ein "großer Schauspieler" und "nicht nur der gute Mensch gewesen".

Unter den 400 Gästen waren auch der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der Präsident des NRW-Verfassungsgerichtshofs, Michael Bertrams, und Ex-Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD), der früher einmal Raus Büroleiter war. Als Rau damals die Rechtschreibung in einem vorgelegten Text monierte, konterte Steinbrück, dass dies dem Duden entspreche. Darauf Rau: "Hier irrt der Duden."

(RP)