Ukraine-Krieg Der Winter als Waffe

Meinung | Kiew · Russland setzt die ukrainische Zivilbevölkerung mit Angriffen auf Infrastruktur unter Druck. Doch die russische Armee wird in diesem Winter kaum Geländegewinne verzeichnen. Längst hat ein Abnutzungskampf begonnen und die Zeit läuft – gegen Putin.

 Russische Truppen haben die Antoniwbrücke, Hauptübergang über den Fluss Dnipro in Cherson, nach ihrem Abzug beschädigt.

Russische Truppen haben die Antoniwbrücke, Hauptübergang über den Fluss Dnipro in Cherson, nach ihrem Abzug beschädigt.

Foto: dpa/Bernat Armangue

Wladimir Putin schickt seine Truppen in den ersten Kriegswinter. Was immer seine militärischen Berater dem russischen Präsidenten vor Beginn des Überfalls auf die Ukraine über die Fähigkeit der eigenen Streitkräfte eingeflüstert haben, es entsprach zu keinem Zeitpunkt dieses Krieges der Wirklichkeit. Der von Moskau erhoffte Handstreich ist deutlich ausgeblieben. Russland hat die Ukraine nicht binnen weniger Tage überrannt und eingenommen. Eine schwere Fehleinschätzung auch der Widerstandskraft auf der ukrainischen Seite. Mehr noch: Russland steckt bei seinem Feldzug in der Ukraine fest, musste zunächst eroberte Gebiete wieder aufgeben und kassierte mit dem Abzug aus Cherson eine nächste schwere Niederlage. Wenig in diesem Krieg, den Putin ohne Not und völkerrechtswidrig vom Zaun gebrochen hat, läuft nach den Vorstellungen und Zielen des Aggressors in Moskau.

Der Kreml-Herrscher hat sich verrannt und findet nun aus der Sackgasse nicht mehr heraus. Ein Rückzug aus den russisch besetzten Gebieten östlich des Flusses Dnipro ist mit seinen imperialen Großmachtambitionen nicht vereinbar. Putin lässt wegen ausbleibender Erfolge auf dem militärischen Schlachtfeld nun die Zivilbevölkerung in der Ukraine terrorisieren. Seine Truppen bombardieren die Strom-, Wasser- und Energieversorgung in vielen ukrainischen Städten. Putin hofft so, den Durchhaltewillen der ukrainischen Bevölkerung zu brechen. Wer friert, wer keine Energie zum Kochen und wer kein Leitungswasser hat, wird eher bereit sein aufzugeben, so das Kalkül in Moskau. Putins Attacken sind feige. Sie treffen wehrlose Menschen. Der Befund von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg ist eindeutig: Putin setze den Winter als Waffe gegen die Menschen in der Ukraine ein.

Gleichzeitig hat längst ein Abnutzungskampf begonnen, dessen Ende noch lange nicht absehbar ist. Schon allein mit der Teilmobilmachung hat der Kreml gezeigt, dass seine Truppen am Limit kämpfen und die Ressourcen nicht ausreichen. Der Nachschub läuft schlecht, in Teilbereichen herrscht ein Mangel an Munition, die Kampfmoral der Truppe ist so schlecht wie die Versorgung. Und nun kommt auch noch der Winter, an denen die russischen Truppen kaum mehr Geländegewinne verzeichnen dürften und festzufrieren drohen. Die Zeit läuft – auch gegen Kreml-Herrscher Putin. Je länger der Krieg dauert und je weniger sich Putin seinem Ziel der Eroberung großer Teile der Ukraine nähert, umso gefährlicher wird die Lage auch für ihn selbst. Es ist Putins Krieg, nicht der seines Volkes, dessen Söhne er auf dem Schlachtfeld verheizt. Gemessen an den hohen Opferzahlen ist es weiterhin erstaunlich ruhig in der russischen Zivilbevölkerung, die eigentlich schon zu viele Särge von der Front Zuhause beklagen musste. Was Putin in diesem Krieg tatsächlich noch gewinnen kann, weiß noch nicht mal er selbst. Der Ukraine-Feldzug ist der größte Fehler seiner politischen Karriere. Sein Land wird dafür sehr lange sehr teuer bezahlen.

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